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Rasmus Lauge
Grenzenlose Leidenschaft

Verflixte 2. Hälfte

14.04.2013 -Lufthansa Final 4: 30:33 – es hat nicht gelangt

Es hat nicht sollen sein. Die SG Flensburg-Handewitt verlor aufgrund eines Einbruchs nach der Pause das Endspiel um die 2013er Auflage des Lufthansa Final 4. Am Ende hieß es 33:30 (12:16) für den THW Kiel. Die SG gratuliert den „Zebras“ zum Gewinn des DHB-Pokals 2013. „Unsere Mannschaft hat Wille und Glaube bewiesen, dieses Spiel zu gewinnen“, meinte SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke. „Den Glauben hatte sie leider zu Beginn der zweiten Hälfte verloren.“ THW-Trainer Alfred Gislason freute sich: „Ich bin sehr stolz, dass wir den Titel geholt haben. Das war eine sensationelle zweite Halbzeit!“

Marko Vujin, Linkshänder des THW Kiel wurde mit 15 Treffern zum besten Schützen des Turniers gekürt. Zwei Ehrungen staubte Mattias Andersson ab – als bester Torwart und bester Spieler. Für ihn gab es zwei Lufthansa-Gutscheine und zwei Rimowa-Koffer. An diesem Nachmittag ein schwacher Trost für den Schweden! Der Pokal wäre viel schöner gewesen.

Dennoch war es ein denkwürdiger Handball-Tag. Es war schon so etwas wie eine Invasion aus dem Norden, was in Hamburg aufschlug. Auf der Autobahn waren für einen Sonntagvormittag ungewohnt viele Nummernschilder mit Flensburger oder Schleswiger Kennzeichen zu sehen. Und auch andere Zeichen standen günstig und ließen die Fan-Seele höherschlagen: Auf dem Nord-Ostsee-Kanal herrschte reger Schiffsverkehr, und im Radio erklang die Toten-Hosen-Hymne „An Tagen wie diesen“. Und als dann in der O2 World „Auf in den Kampf“ erklang und wenig später Luftballons in den Vereinsfarben blau, weiß und rot durch den SG-Block hüpften, waren die ersten Weichen für einen tollen Handball-Nachmittag gestellt.

Die SG ging mit der gleichen Startaufstellung ins Rennen wie beim gestrigen Halbfinal-Sieg und erzielte durch Thomas Mogensen das erste Tor des Tages. Und was geschah auf der anderen Seite? Mattias Andersson ärgerte den THW gleich mit einer Doppelparade. Michael Knudsen brach am Kreis durch und erhöhte auf 2:0. Erst dann – nach rund viereinhalb Minuten – war dem THW der erste Treffer gegönnt.

Natürlich schlug der THW Kiel zurück. Es entwickelte sich ein Landesderby auf höchstem Niveau. Um jeden Zentimeter wurde gefightet. Nach knapp zehn Minuten schafften die Schiedsrichter erstmals etwas Platz. Michael Knudsen und Filip Jicha wurden nach einem Gerangel zeitgleich auf die Bank geschickt. Als nach Fouls im Positionsspiel auch Marcus Ahlm und Tobias Karlsson für zwei Minuten pausieren mussten, standen sich kurzfristig nur vier THW- und vier SG-Akteure gegenüber.

Die Schützen hatten viel Platz und eröffneten ein kleines Feuerwerk. Bei den Kielern freute sich Gudjon Valur Sigurdsson, bei der SG setzte Thomas Mogensen Akzente und erzielte mit einem flachen Geschoss das 5:6. Absetzen konnte sich keines der beiden Teams, es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, in dem die SG zumeist die Nase vorne hatte.

Erste Hälfte: Ganz nach dem Geschmack von Thomas Mogensen.

Beim 10:9 bejubelte mal wieder der THW-Anhang eine Führung, nachdem Filip Jicha zu dicht an den Wurfkreis heranrücken durfte. Doch die SG antwortete mit einer sehenswerten Kombination. Steffen Weinhold bediente Michael Knudsen, der im Fallen den Ball per Rückhandwurf ins Netz beförderte. Eine Aktion, die die stärkste Phase der SG einleitete. Hinten hielt Mattias Andersson wie ein Besessener, vorne drückte der frisch eingewechselte Steffen Weinhold auf die Tube. Mit seinem dritten Treffer hieß es plötzlich 10:15. Eine Sechser-Serie gegen den THW – die SG-Fans bewegten sich zwischen Ekstase und Verwunderung.

Das Vorhaben hieß nun, diesen Vorsprung für den Pausentee zu konservieren. Da war der Treffer von Michael Knudsen zum 11:16 besonders wichtig. Die Referees hatten bereits ein Zeitspiel angezeigt. „Ich dachte mir, dass es sich irgendwann auszahlen würde, dass wir im Halbfinale zeitweise Blockwechsel vollzogen haben und Kräfte schonen konnten“, verriet THW-Coach Alfred Gislason später. „Deshalb waren wir in der Kabine nicht hoffnungslos. Zum Glück hatten wir dann einen Blitzstart.“

Die Fans hielten voll zur Mannschaft.

In der Tat: Nach der Pause zeigte sich schnell, wie so ein Vorsprung schmelzen kann. Es waren noch keine vier Minuten gespielt, da hatte der THW bereits zum 16:16 ausgeglichen. Und wiederum vier Minuten weiter besorgte Filip Jicha die 18:17-Führung für den Titelverteidiger. Da nutzte es auch nichts, dass Mattias Andersson zwischenzeitlich einen Siebenmeter von Marko Vujin pariert hatte. „Wir hatten einen richtigen Mist-Auftakt in die zweite Hälfte“, erregte sich SG-Coach Ljubomir Vranjes. „Ich weiß nicht, was da passiert ist. Wir hatten darüber gesprochen, dass Kiel mit Druck in den zweiten Durchgang anfangen würde. Das können wir viel besser.“

Der Schwede tat das Einzigrichtige, was er tun konnte: ein Team-Time-Out. Doch THW-Schlussmann Thierry Omeyer war nun warm, der SG-Angriff lange zu harmlos. Ein Treffer in 13 Minuten – das sprach Bände. Der THW zog auf 21:17 davon. Im SG-Block herrschte kurzfristig eine konsternierte Stimmung. Treffer von Thomas Mogensen und Petar Djordjic sowie ein Ballgewinn in der Abwehr sorgten wieder für Hoffnung. Bei zwei Toren Rückstand war ja noch nichts entschieden.

Mattias Andersson erhielt gleich zwei Ehrungen.

Doch die die dritte Zeitstrafe und damit das „Aus“ für Michael Knudsen bedeuteten den nächsten Nackenschlag. Petar Djordjic hatte zwar einen Lauf, doch die Kieler sausten nun mit einem soliden Vier-Tore-Vorsprung durch die O2 World. Ljubomir Vranjes versuchte es mit einem kurzfristigen Keeper-Wechsel, doch auch der fruchtete nicht. Die SG musste sich mit einer Final-Niederlage anfreunden. Die Enttäuschung war natürlich groß, aber die Mannschaft hatte die Größe, sich bei ihren Fans mit Beifall für die tolle Unterstützung zu bedanken. Deshalb wird sie am Abend auch in der Club100 Lounge bei der Flens-Arena vorbeischauen.

„Wir haben wirklich alles versucht“, bilanzierte Ljubomir Vranjes. „Eine Halbzeit haben wir gewonnen, vielleicht schaffen wir ein anderes Mal auch die zweite Hälfte. Heute Nacht werde ich zumindest wieder nicht schlafen.“ Dierk Schmäschke ergänzte: „Wir werden ab jetzt nicht mehr nach hinten schauen, und die Spieler den Kopf nicht in den Sand stecken. Wir haben noch große Ziele: Wir wollen nach Köln.“

Die SG Flensburg-Handewitt gratuliert dem THW Kiel.


THW Kiel – SG Flensburg-Handewitt 33:30 (12:16)
THW Kiel: Omeyer (17 Paraden), Palicka (1 Parade; 28.-30.) – Toft Hansen, Sigurdsson (7), Sprenger (3), Ahlm (2), Ekberg, Palmarsson (5), Narcisse (6), Ilic, Klein, Jicha (5/2), Vujin (5/1)
SG Flensburg-Handewitt: Andersson (14 Paraden), Rasmussen (50.-54.; 1 Parade) – Karlsson, Eggert (3/2), Glandorf, Mogensen (9), Svan Hansen (4), Weinhold (5), Djordjic (4), Heinl, Kaufmann (3), Knudsen (2)
Schiedsrichter: Geipel/Helbig (Steuden/Landsberg); Zeitstrafen: 14:12 Minuten (Sprenger 4, Ahlm 4, Ilic 2, Jicha 2, Vujin 2 – Knudsen 6, Kaufmann 4, Karlsson 2); Rote Karte: Knudsen (48., dritte Hinausstellung); Siebenmeter: 2/2:4/3 (Vujin scheitert an Andersson); Zuschauer: 13.000 (ausverkauft)
Spielverlauf: 0:2 (3.), 3:2 (8.), 3:4 (11.), 5:5 (13.), 6:7 (15.), 7:8 (17.), 8:9 (19.), 10:9 (22.), 10:15 (29.), 11:16 (30.) – 16:16 (34.), 16:17 (36.), 21:17 (44.), 22:18 (45.), 22:20 (47.), 24:20 (49.), 25:22 (50.), 27:23 (52.), 29:24 (54.), 31:25 (56.), 32:26 (57.), 33:27 (58.)

Von: ki