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Rasmus Lauge
Grenzenlose Leidenschaft

Krimi mit Happyend

13.04.2013 -Lufthansa Final 4: 26:25 – SG kämpft sich ins Endspiel

Auf den Tag genau zehn Jahre nach dem ersten DHB-Pokal-Coup sorgte die SG Flensburg-Handewitt für einen weiteren Husarenstreich und darf in ihrem neunten Pokalfinale vom vierten Triumph an der Elbe träumen. Wie vor zehn Jahren gab es eine Verlängerung, danach hatte die SG den HSV Hamburg mit 26:25 (14:13, 23:23) niedergekämpft. Morgen um 14 Uhr steigt das Finale gegen den THW Kiel, der die MT Melsungen klar bezwang.

Die Erlösung nach dem Krimi mit Happyend war groß. Die Mannschaft jubelte und feierte dann mit den Fans in der SG-Ecke. Aber nur kurz, morgen geht es ja schließlich weiter. „Ein Ziel war es, hierherzukommen“, sagte SG-Trainer Ljubomir Vranjes. „Nun ist es ein Traum, das Finale zu spielen – zum dritten Mal in drei Jahren.“ Mann des Tages war ganz klar Mattias Andersson, der mehr als zwei Dutzend Paraden auf das Parkett zauberte. „Ich bin sehr zufrieden mit unserer Abwehr“, lobte der Schwede. „Sie hat mir sehr viel Sicherheit gegeben.“

Schon das Halbfinale war ein Leckerbissen für diejenigen, die intensiven Spitzenhandball mit konsequenter Deckungsarbeit lieben. Um 15 Uhr war der große Augenblick gekommen, auf den die über 1000 SG-Fans seit Monaten gewartet hatten. Die Schiedsrichter Holger Fleisch und Jürgen Rieber pfiffen das erste Halbfinale des diesjährigen Lufthansa Final 4 an. Zuvor hatten die Fans ihre Mannschaft mit einer tollen Choreographie begrüßt: Große Spieler-Portraits verteilten sich in der SG-Ecke über den Unterrang, bunte Flaggen dominierten den Oberrang.

Die SG hatte Anwurf. Nach einer knappen Minute erhielt Lasse Svan Hansen den Ball, brach durch, wurde aber gefoult. Siebenmeter! Anders Eggert vollstreckte cool. Sein erstes Tor im April, das erste Tor des Tages! Hinten stand die SG in der üblichen 6:0-Abwehr. Mit Tobias Karlsson und Michael Knudsen im Mittelblock, den Kasten hütete Mattias Andersson – und das in seiner gewohnt dominierenden Art.

Vorne trumpfte die SG zunächst von den Halbpositionen auf. Lars Kaufmann und Holger Glandorf besorgten fünf der ersten sechs SG-Tore, sodass die Nordlichter den Takt vorgaben. Als Hans Lindberg nach acht Minuten auf dem Weg zur ersten HSV-Führung war, baute sich vor ihm Mattias Andersson auf – mit Erfolg. Der Schwede nervte die Hamburger auch nach zwölf Minuten. Seine Vorderleute schalteten blitzschnell um. Anders Eggert schlüpfte auf Linksaußen durch. 5:7 – der erste kleine Vorsprung!

Durch zwei Nachlässigkeiten fing sich die SG zwei Gegenstöße ein. Dann begann aber die beste Phase der SG, unterstützt von zwei Zeitstrafen gegen den HSV. Der eingewechselte Steffen Weinhold trat mit einer besonderen Agilität auf und schloss zwei Konter entschlossen ab. Beim 7:11 war die SG-Fan-Ecke aus dem Häuschen – wer hatte schon so früh mit einer so klaren Führung gerechnet.

Bei der SG herrschte ein gewisser Luxus auf der Bank. Nach 20 Minuten kam mit Petar Djordjic bereits der dritte Halblinke aufs Feld. Nur: Der HSV kam besser in die Partie, glich beim 13:13 wieder aus. Im Gegenzug setzte sich Thomas Mogensen konsequent durch. Die SG durfte sich bei Mattias Andersson bedanken, dass sie ein Mini-Polster mit in die Halbzeit rettete. Kurios: Kurz vor Pause traf Stefan Schröder den SG-Keeper an der Schulter. Der Ball flog in die Höhe und drehte noch ins Netz. Da hatten die Referees bereits die Aktion abgepfiffen.

Holger Glandorf erzielte sechs Toe.

Mit Wiederbeginn operierte die SG wieder mit ihrer Startformation, agierte allerdings etwas konfus. Selbst in doppelter Überzahl verlor sie den Ball, Anders Eggert ließ einen Siebenmeter liegen. Zum Glück konnte der HSV nicht wirklich Kapital daraus schlagen. Thomas Mogensen sorgte nach fünfminütiger Flaute für das 14:15. Spektakulär: Mattias Andersson parierte unmittelbar hintereinander zwei HSV-Strafwürfe. „Wir wussten vor, dass die Abwehr und die Torhüter entscheiden würden“, meinte Ljubomir Vranjes. „Wir hatten heute den besseren Keeper.“

Die SG gewann aus der Deckung heraus neue Kraft. Acht Minuten lang war dem Lokalmatador der O2 World kein Treffer vergönnt. Anders Eggert verwandelte einen Siebenmeter zum 14:16. Ruhe kam aber nicht in die SG-Aktionen. Ballverluste und Fehlwürfe dominierten, zum Glück war Mattias Andersson ein Fels in der Brandung. Nach 47 Minuten war aber auch er machtlos: Fredrik Petersen netzte zum 18:17, der ersten HSV-Führung des Tages.

Als Stefan Schröder den nächsten Konter verwertete, nahm Ljubomir Vranjes das Team-Time-Out. Jacob Heinl durfte nun ran, Holger Glandorf kehrte zurück, und Lars Kaufmann brachte das „runde Ding“ im Kasten unter. Der Rückraum erwachte zu neuem Leben. Holger Glandorf markierte das 20:20 – und drei Minute später auch das 20:21. Die SG-Fans bangten nun weniger, sie hofften und tobten wieder. Der Einsatz stimmte. „Da war 70 Minuten lang Disziplin auf dem Spielfeld“, lobte Ljubomir Vranjes. „Kritisieren kann man nur Kleinigkeiten und ein paar taktische Dinge.“

Mattias Andersson war einfach überragend.

Es ging nun hin und her. Domagoj Duvnjak hier, Lars Kaufmann dort! Michael Kraus sorgte nach 57:15 Minuten für den erneuten Gleichstand. Die SG hatte Schwerstarbeit zu leisten. Ljubomir Vranjes wollte seine Jungs mit einer Auszeit unterstützen. Thomas Mogensen tänzelte durch die Abwehr. 22:23! Domagoj Duvnjak antwortete trocken. 23:23 – wie am Dienstag! Die letzte Minute: Die SG mit der Riesenchance, doch Johannes Bitter kratzte den Ball von der Linie. Oder war er dahinter? Wie dem auch sei: Der HSV roch am Sieg, doch eine Andersson-Gehäuse-Kombination bewahrte die SG vor dem „Aus“. Die 22. Parade des Schweden bedeutete die Verlängerung! „Wir hatten unsere Chancen, eine Zwei-Tore-Führung und den letzten Wurf“, haderte HSV-Coach Martin Schwalb etwas mit dem Schicksal. „Zu Beginn der Verlängerung fehlte uns etwas die Power.“

In die Sonder-Spielzeit startete die SG abgezockt. Der HSV fand kein Mittel gegen die SG-Defensive. Michael Knudsen und ein sensationeller Kuller-Ball von Lasse Svan Hansen brachten die SG mit 23:25 in Front. Kurz vor Ende der ersten fünf Minuten verzog Thomas Mogensen. Stefan Schröder konterte, doch scheiterte am Oberschenkel von Mattias Andersson. Es wurde dennoch wieder eng: Domagoj Duvnjak verkürzte, Holger Glandorf scheiterte an Johannes Bitter, Lars Kaufmann verfehlte das Gehäuse.

Steffen Weinhold setzt sich durch.

Zwei Minuten vor Ultimo hatte der HSV den Ball. Doch der verlor ihn – und Michael Knudsen erwischte ihn. Der Däne behielt die Nerven. Sein 24:26 nach 58:30 ließ schon etwas Druck aus dem Ventil. Den Rest besorgte Mattias Andersson mit seiner 26. Glanztat. Einfach irre, dieser Schwede! Der HSV-Anschluss hatte nur noch statistische Bedeutung. Die Hanseaten zeigten sich als faire Verlierer. „Das war ein Fight auf Augenhöhe“, meinte Martin Schwalb. „Irgendeiner musste gewinnen. Leider waren das nicht wir – das müssen wir akzeptieren.“

Im SG-Lager schwankte man derweil zwischen Jubel und Vorfreude. „Wir sind froh, dass wir es geschafft haben“, sagte Mattias Andersson mit entschlossener Miene. „Jetzt legen wir den Fokus auf morgen.“ Ljubomir Vranjes hatte schon im Vorfeld für zwei „Schubladen“ gearbeitet und startete mit dem zweiten Halbfinale in seine lange Nacht. Egal wie das Endspiel ausgehen wird, die SG lädt am Sonntagabend in die Club100-Lounge ein. „Die Mannschaft wird auf jeden Fall vorbeischauen“, verspricht SG-Geschäftsführer Dierk Schmäschke. „Wir wollen uns alle für die tolle Unterstützung bedanken, die uns in das Finale getragen hat.“ Und wer weiß: Vielleicht hat das Team dann sogar einen „Pott“ im Gepäck.

Die SG-Fans sind aus dem Häuschen. Fotos: N. Kirschner

 

HSV Hamburg – SG Flensburg-Handewitt 25:26 (23:23, 13:14) n. Verl.
HSV Hamburg: Bitter (12/1 Paraden), Beutler (1 Parade; 25.-30.) – Kraus (4), Schröder (3), Duvnjak (6), Jansen (3), Lackovic, Flohr, Lindberg (2), Nilsson, Lijewski (2), Vori (2), Hens, Petersen (3)
SG Flensburg-Handewitt: Andersson (26/2 Paraden) – Karlsson, Eggert (3/1), Glandorf (6), Mogensen (4), Svan Hansen (3), Weinhold (4), Djordjic, Heinl, Gustafsson, Kaufmann (4), Knudsen (2)
Schiedsrichter: Fleisch/Rieber (Nellingen/Nürtingen); Zeitstrafen: 12:6 Minuten (Lijewski 4, Schröder 2, Duvnjak 2, Jansen 2, Vori 2 – Karlsson 4, Mogensen 2); Siebenmeter: 5/3:2/1 (Lindberg und Kraus scheitern an Andersson – Eggert verwirft gegen Bitter); Zuschauer: 13.000 (ausverkauft)
Spielverlauf: 1:1 (2.), 2:3 (7.), 4:4 (10.), 5:5 (11.), 5:7 (13.), 7:7 (15.), 7:11 (21.), 10:11 (23.), 12:12 (28.), 13:13 (29.) – 14:14 (32.), 14:16 (40.), 16:16 (41.), 16:17 (42.), 19:17 (48.), 20:18 (50.), 20:21 (55.), 21:22 (56.), 22:23 (59.) – 23:25 (63.), 24:25 (66.), 24:26 (69.)

Von: ki