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Karlsson
Grenzenlose Leidenschaft

BM Ciudad Real

Zwischen den Flüssen Río Jabalón und Río Guadiana thront sie, gute 630 Meter über dem Meeresspiegel: Ciudad-Real, die „Königliche Stadt“. Die etwa 50000 Einwohner zählende Provinz-Metropole ist das Zentrum der Mancha, jener Region Spaniens, in der der legendäre Don Quijote auf der nahegelegenen Campo de Criptana gegen die Windmühlen kämpfte. In der Annahme, es seien Riesen gewesen. Zwar finden sich von der ehemals glanzvollen Geschichte nicht mehr allzu viele Zeugnisse („Puerta de Toledo“, Alcázar Real), doch längst beherbergt Ciudad Real etwas anderes „Königliches“ – den Klub Balonmano Ciudad Real. Eine erlesene Weltauswahl, wie nicht nur SG-Coach Kent-Harry Andersson findet: „Ciudad Real ist wie Real Madrid im Fußball – auf jeder Position zwei Top-Stars.“

Plaza de Villanueva de los Infantes

Auf der Hochebene, rund 150 Kilometer von der spanischen „Schaltzentrale“ Madrid entfernt, fließt teilweise bei 45 Grad im Sommer „Gold“. Dann werden in der Regel die neuen hochkarätigen Transfers bekannt gegeben. Als entscheidende Person tritt Domingo Díaz de Mera auf – der Vereinspräsident. Ein schwerreicher Mann, dem es – so wird erzählt – egal ist, ob er zwei oder drei Millionen Euro in einer Saison investiert. 1993 gilt als die Geburtsstunde dieser „Erfolgs-Philosophie“. Damals stieg Domingo Díaz de Mera mit einigen weiteren Unternehmern in den Klub ein – zu einer Zeit als Ciudad Real noch als „graue Maus“ galt. Danach ging es aber kontinuierlich nach oben. 1995 glückte der Sprung auf einen einstelligen Tabellenplatz in der Liga Asobal.
In der Amtszeit des Trainers Rafael Lopez Leon qualifizierte sich der Verein 1998 erstmals für einen europäischen Wettbewerb. Gleich auf Anhieb zog BM Ciudad Real ins Endspiel des City-Cups ein – die SG Flensburg-Handewitt zerstörte aber alle Träume. Immer häufiger strömten 3000 Zuschauer in die Halle „Puerta de Santa María“. Eine Begeisterung, die in der Serie 1999/2000 einen Dämpfer erhielt. Eine lange Verletztenliste – und Ciudad Real fiel wieder aus den Europapokal-Rängen. Ein Rückschritt, der Domingo Díaz de Mera aus der Reserve lockte. Nun trat er als Klubchef ins erste Glied. Auf seinem Wunschzettel: reichlich spanische und internationale Ehre.

Ciudad Real feierte 2002 den Pokalsieger Cup in Flensburg.

Die erste Maßnahme: ein Trainerwechsel. Im Sommer 2000 heuerte mit Veselin Vujovic einer der großen Namen des serbischen Handballs an. Allerdings auch ein Mensch mit „unberechenbarem“ Charakter. Mit dem „Neuen“ hätte es im Mai 2001 fast für den ersten Titel gereicht, doch im Finale des traditionsreichen spanischen Königspokals scheiterte die Vujovic-Truppe knapp an Portland San Antonio. Die Qualifikation für das internationale Geschäft – zu wenig für den ungeduldigen Präsidenten. Domingo Díaz de Mera öffnete abermals die Geldschatulle. Vor der Spielzeit rannten international renommierte Stars beim Provinzverein fast die „Bude“ ein. Talant Duishebaew, Christian Hjermind, Iker Romero, Henning Wiechers oder Sergei Pogorelov standen plötzlich auf der Gehaltsliste. Rolando Urios, noch heute im Kader, war bereits vorher nach Ciudad Real gekommen.
Ein riesiger Druck lastete auf dieser hocherlesenen Auswahl. „Ciudad Real hatte noch nie etwas gewonnen“, erinnert sich der ehemalige SG-Spieler Christian Hjermind an seine beiden Jahre in Spanien. „Jeder hoffte, dass endlich der Knoten platzen würde.“ So war es der 28. April 2002, der in die Vereinschronik als „Durchbruch“ einging. Ausgerechnet in der Campushalle floss der Sekt, der Europapokal der Cupsieger wanderte in die Heimat von Don Quijote. Vergessen war in der Erleichterung das skandalöse Hinspiel, das mit einer Massenschlägerei geendet hatte.

Alberto Entrerrios verlor mit Leon schon einmal ein wichtiges Europapokal-Spiel gegen die SG.

Ohne Folgen war dieser Vorfall aber nicht. Veselin Vujovic, der nach Lars Christiansen und Lars Krogh Jeppesen getreten hatte, war international gesperrt. Ciudad Real brauchte einen neuen Trainer. Die Wahl fiel auf den erfahrenen Juan de Dios Roman Seco, der einst auch als spanischer Auswahl-Coach fungierte. Auf einen Präsidenten, der nach dem Gewinn des ersten „Potts“ etwas gelassener agierte, traf er aber nicht. Vielmehr feilte Domingo Díaz de Mera nun an einem weiteren Traum – ein Titel in Spanien. Die Weltauswahl reifte zusehends: 2002 kamen Jose Javier Hombrados und Alberto Entrerrios, 2003 Olafur Stefansson und Didier Dinart, 2004 Mirza Dzomba und Arpad Sterbik.
Die Erfolge ließen nun nicht mehr lange auf sich warten. 2003 verteidigten die Don-Quijote-Handballer nicht nur den europäischen Cup der Pokalsieger, sondern errangen mit dem spanischen Königspokal auch den ersten nationalen Titel. In der Liga Asobal kündigte sich der große Wurf an: 2002 Platz vier, 2003 Platz zwei – und schließlich 2004 die Meisterschaft. 2005 wurde das „Silber“ in der Liga Asobal immerhin durch Königspokal und spanischen Supercup geziert. Und in der Champions League? Dort ging es ebenfalls voran: Nachdem Ciudad Real 2004 noch am späteren Sieger, dem RK Celje aus Slowenien, gescheitert war, erreichte man vor Jahresfrist erstmals die Endspiele, um dort gegen Barcelona den Kürzeren zu ziehen. Ein weiter Meilenstein war im Dezember 2003 die Einweihung der Quijote-Arena, die 5100 Zuschauer fasst.

Die Quijote Arena

Vor dieser Saison wagten die Spanier die nächste Zäsur auf dem Trainerstuhl. Talant Duishebaew, der einstige Welthandballer, beendete seine aktive Karriere und verbreitete seine „Philosophie“ von der Seitenlinie aus. Dazu zählen ein individuell geprägter Angriff und die offensive Abwehr im 5:1- oder 3:2:1-System, die normalerweise der Linksaußen David Davis krönt, während der Franzose Didier Dinart im Abwehr-Zentrum lauert. Eine Mischung, die bislang durchaus ihren Spuren hinterließ. Das Team aus der „königlichen Stadt“ gewann sowohl die Vereins-Europameisterschaft als auch den spanischen Ligapokal. In der spanischen Liga Asobal sieht es allerdings im Moment nicht nach dem ganz großen Wurf aus. Platz drei, vier Zähler hinter Barcelona, drei hinter Portland San Antonio.
Neben dem Königspokal, der erst im Mai ausgetragen wird, gibt es aber für Ciudad Real noch eine weitere Hoffnung – die Champions League. Bei dem Star-Ensemble kein Wunder! Die Namen  bringen jeden Handball-Fan in „Verzückung“. Zum Beispiel das Torhüter-Gespann mit dem spanischen Weltmeister Javier Hombrados und Arpad Sterbik aus Serbien-Montenegro. Ein Duo, das zu den besten auf diesem Globus zählt. Oder der rechte Rückraum, wo sich der kroatische Olympiasieger Petar Metlicic und der isländische Super-Star Olafur Stefansson regelmäßige die „Klinke“ in die Hand geben. Der dritte Linkshänder, der ehemalige Hamburg Jon Belaustegui, laboriert zur Zeit an einer Knieverletzung.

Rolando Urios ist der dienstälteste Akteur bei Ciudad Real.

Angesichts dieses komplett gut besetzten Kaders verwundert es nicht, dass es bei Ciudad Real keinen überragenden Torschützen gibt. Rechtsaußen Mirza Dzomba (91/18), der slowenische Top-Torjäger Sirahei Rutenka (83/15), der gefährliche Spielmacher Alberto Entrerrios (70/6) und der altgediente Rolando Urios (65) rangieren in etwa gleich auf. „Ciudad Real kann ein- und auswechseln, wen sie wollen“, staunte der ehemalige SG-Spieler Alexander Buchmann (BM Altea) bei seinem Gastspiel in der La Mancha, „sie haben immer sieben Klasse-Leute auf dem Spielfeld.“ Aber ob diese Star-Ansammlung immer als richtige Mannschaft auftritt? SG-Trainer Kent-Harry Andersson winkt ab: „Wer individuell so starke Akteure hat, braucht kein Kollektiv, um erfolgreich zu sein.“ Wie dem auch sei: Auch in Ciudad Real wird sich das Rad weiterdrehen. Der erste Transfer für die nächste Spielzeit steht bereits fest: Der Slowene Uros Zorman (Celje) soll den Dänen Klaus M. Jakobsen (nach Leon) ersetzen.

Zugänge: Petar Metlicic (Ademar Leon), Julio Fis (BM Valladolid), Jon Belaustegui (HSV Hamburg), David Davis (BM Valladolid), Siarhei Rutenka (Celje Pivovarna Lasko)
Abgänge: Mariano Ortega, Hussein Ali Zaki (beide BM Aragón), Samuel Trives (BM Alcobendas), Talant Dujshebaev (Trainer)
Trainer: Talant Duishebaew (2.6.1968) wurde 1994 und 1996 zum „Welthandballer“ gewählt. Der gebürtige Kirgise, der längst einen spanischen Pass besitzt, gehörte bei GWD Minden und beim TuS Nettelstedt einst zu den auffälligsten Akteuren der Bundesliga.

BM Ciudad Real in der Saison 2005/2006.