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Rasmus Lauge
Grenzenlose Leidenschaft

Kein Tag für Zauberer

Der Heimnimbus wackelte gegen Göppingen, doch als sich die SG Flensburg-Handewitt auf das Kämpfen besann, klappte es auch mit dem 34. Sieg in Folge.
Dass Johnny Jensen richtig sauer werden kann, ist ja bekannt. Aber so in Rage wie in der Partie gegen Frischauf Göppingen sah man den Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt nicht so oft. Wild gestikulierend, stampfend, immer wieder im hitzigen Dialog mit Schiedsrichtern und Mitspielern. Ein brodelnder Vulkan, kurz vor dem  Ausbruch. „Ich war so wütend", berichtete Jensen. Diesmal war es nicht ein fieser Gegenspieler mit versteckten Fouls, der den „Handball-Gott" zürnen ließ. Es war die eigene Mannschaft, die eigene Leistung. „So viele Fehler, das darf nicht sein. Das sind nicht wir", sagte der 33-Jährige.
Zu sich selbst fand die SG erst wieder im Schlussviertel, in dem mit  31:24 (15:14) ein Sieg zu  Stande kam, dessen Geschichte „morgen schon vergessen" ist, wie Joachim Boldsen glaubt. Das wäre schade, weil der 34. Heimerfolg in Folge mit Elementen aus Groteske, Drama und Heldensaga mit Happy-End hohen Unterhaltungswert hatte.
Kuriose Szenen bildeten den Auftakt. Boldsen verpasste die Führung bei einer erstklassigen Konterchance und kurz darauf vollbrachte Igor Kos das Kunststück, vom leeren Tor - der später fabelhafte Martin Galia irrte im Feld herum - die Latte zu treffen. So weit, so lustig. Die SG ging trotzdem mit 8:3 (10.) in Führung und das 561. Bundesligaspiel von Jan Holpert schien sich zu einer  Gala zu entwickeln. Der  Torhüter hatte da schon fünf Bälle pariert, vorn lief auch alles glatt.

"Handballgott" Johnny Jensen traf der Zorn.

Dann summierten sich „fünf, sechs Kleinigkeiten" (Jensen) zu einem großen Problem. Mangelnde Disziplin im Angriff, wie Trainer Kent-Harry Andersson bemängelte, und eine laxe Abwehr begünstigten den Zwischenspurt der Göppinger, die plötzlich 12:11 (23.) führten und SG-Manager Thorsten Storm in Stress versetzten: „Ich dachte schon, jetzt werden die vom THW- zum Flensburg-Killer." Drei Punkte hatte die Grünweißen dem Meister im Vorjahr abgeknöpft.
Doch FA-Trainer Velimir Petkovic, einer der Cleversten der Branche, musste erleben, dass die aus seiner Sicht „bessere Mannschaft nicht immer gewinnt". Mit Garcia (disqualifiziert nach drei Zeitstrafen) war ein Pfeiler aus dem Göppinger Abwehrgefüge gebrochen, was Folgen hatte. „Drei Fehler, drei Gegentore - das ist es dann gegen  Flensburg", verabschiedete Linksaußen Michael Schweikardt den Traum vom Favoriten-Sturz.
Der achtfache Torschütze Marcin Lijewski, ein solider Dan Beutler, dem Rekordmann Holpert nach einer unglücklichen ersten Halbzeit („so was passiert eben") freiwillig Platz gemacht hatte, ebneten den Weg zum glücklichen Ende. „Heute war Arbeiten statt Zaubern angesagt. Immerhin wurde das rechtzeitig erkannt", meinte Storm.
„Jetzt wird es zum Glück etwas ruhiger", meinte Boldsen mit Blick auf die kommenden Aufgaben morgen (15 Uhr, Campushalle) gegen Champions-League-Außenseiter Granitas Kaunas und am kommenden Mittwoch (20.30 Uhr, Schleyer-Halle Stuttgart) beim Bundesliga-Underdog VfL Pfullingen. Andersson wäre nicht Andersson, wenn er nicht widersprechen würde. „Es bleibt stressig. Gegen Kaunas und Pfullingen müssen wir gewinnen", weist der Schwede auf den stets gegenwärtigen Erfolgszwang hin. Auch Matchwinner Lijewski erwartet nicht, dass es so schnell sehr viel einfacher wird: „Es wird wohl noch eine Weile auf und ab gehen mit uns."