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Karlsson
Grenzenlose Leidenschaft

Montpellier HB

Ob es bei einem Glas Rotwein war? Zumindest bewies Jean Paul Lacombe im Jahre 1982 einen Weitblick, der über den Glasrand hinausging. Er entschied sich zusammen mit einigen Anhängern einen kleinen Handballverein in einem Stadtteil von Montpellier zu gründen – Cosmos. Aus dieser Keimzelle entstand der erfolgreichste Klub Frankreichs, der seit 1987 als Montpellier HB firmiert. Längst ist es Kult in der südfranzösischen Universitätsstadt zum „MHB“ zu pilgern. Der „Le Palais des Sports René Bougnol“ füllt sich häufig bis auf den letzten seiner 2514 Plätze und versprüht gerade auf internationaler Ebene südeuropäisches Temperament.
Die ersten Stufen in der Erfolgsleiter nahm man noch als „Cosmos“, der Sprung nach ganz oben gelang aber erst als Montpellier HB. 1988 feierte die 250000-Einwohner-Stadt die Zweitklassigkeit ihres sportlichen Aushängeschilds, vier Jahre später fuhr der Fahrstuhl in die erste Nationalliga. Schon im ersten Jahr etablierte sich Montpellier und zog sofort ins internationale Geschäft ein, dem man durchweg die Treue hielt.

Seit zehn Jahren Trainer in Montpellier: Patrice Canayer.

1994 kam ein Mann aus Paris: Patrice Canayer. Der Trainer genießt höchstes Ansehen in Frankreich, gilt als „Handball-Papst“ und ausgewiesener Taktik-Fuchs. Schon vor einer Dekade, gerade einmal 33 Jahre alt, erwarb er sich den Ruf des „Architekten“ einer besonderen Erfolgsstory. Auf Anhieb wanderte 1995 die erste Meisterschaft in die Nähe des Mittelmeeres. Bis heute zieren sechs weitere Meisterschaften (1998-2000, 2002-2004), fünf nationale Pokal-Triumphe (1999-2003) und ein Ligapokal (2004) den Briefkopf. In der letzten Saison lag Montpellier in der Endabrechnung ganze sieben Zähler vor US Creteil.
Obwohl sich schon in den 90er Jahren schillernde Persönlichkeiten wie Patrick Cazal, Frederic Volle, Jackson Richardson, Cedric Burdet oder Didier Dinart in Montpellier die Hand gaben, war die Ausbeute auf der europäischen Bühne lange Zeit eher spärlich. Dreimal hatte der „MHB“ ein Viertelfinale erreicht – bis im legendären Frühjahr 2003 die Truppe mit einem sensationellen Husarenstreich aufwartete. Man stand im Endspiel der Champions League, hatte aber schon in der ersten Partie bei Portland San Antonio mit einem 19:27 praktisch alle Trümpfe aus der Hand gegeben. Doch vor der frenetischen Heimkulisse verwandelte sich die Abwehr in ein Bollwerk. Vorne zauberte vor allem die linke Seite mit Michael Guigou und Nikola Karabatic. Am Ende hieß es tatsächlich 31:19. Montpellier lag im Freudentaumel.

Montpellier: die Kathedrale St. Pierre

In der letzten Saison jedoch die Ernüchterung. Bereits im Achtelfinale kam gegen die international kaum renommierten Ungarn von Pick Szeged das „Aus“. Und auch diesmal stand die Qualifikation für das Viertelfinale auf der Kippe. Nach einem Durchmarsch in der Gruppenphase – die Gegner hießen Zagreb, Zaproshje und Conversano – erlitt das französische Flaggschiff beim 29:38 in Kolding einen halben Mastbruch. Doch im Rückspiel schaffte Montpellier noch die Wende. 36:25! „Die Kulisse hat einen unglaublichen Druck auf die Schiedsrichter aufgebaut“, berichtet SG-Manager Thorsten Storm, der die Partie im dänischen Fernsehen sah. „An der aggressiven Abwehr ist Kolding schließlich gescheitert.“
Ein Erfolgsgeheimnis von Montpellier ist das 1993 gegründete Leistungszentrum für den Jugendhandball.  Der Klub investiert viel Zeit und Trainings-Aufwand in den Nachwuchs – und das breit gestreut. Allein 2004 nahmen 8000 Jugendliche am Konzept „Handball überall und für alle“ teil. Aus dieser behüteten Betreuung gingen auch Ligaspieler wie Franck Junillon, Michael Guigou, Nikola Karabatic, Damien Kabengele oder Geoffroy Krantz hervor. „Sie repräsentieren die Unbekümmertheit und das Feuer der neuen Generation“, sagt ein stolzer Trainer Patrice Canayer.
Diese „jungen“ Wilden, einige Routiniers sowie die Legionäre David Juricek, Mladen Bojinovic und Sobhi Sioud sorgen für ein Konglomerat, das keinen Gegner fürchten muss. Manchmal zeigt es aber auch Schwächen. So dominiert Montpellier die französische Nationalliga im Moment nicht nach Belieben, führt die Tabelle nach dem 25:25 gegen Verfolger Paris Handball nur knapp vor der Konkurrenz aus der Hauptstadt (Handball, Creteil, Ivry) an. Zuletzt machte sich die Schulterverletzung des Linkshänders Sobhi Sioud, der wegen Starallüren vor der Weltmeisterschaft von Sead Hasanefendic aus der tunesischen Nationalmannschaft gefeuert wurde, negativ bemerkbar. Patrice Canayer musste ohne Linkshänder auskommen.

Eine französische Handball-Legende: Grégory Anquetil.

Der Versuch, es mit dem ebenso populären wie routinierten Grégory Anquetil zu probieren, entpuppte sich als Alibi-Lösung. Dem 1,80 Meter großen Rechtsaußen fehlte die Durchschlagskraft. Eine andere Variante: Der Serbe Mladen Bojinovic, während mehrerer Stationen in Spanien zur Führungspersönlichkeit gereift und im Moment einer der Haupttorschützen in Frankreich, weicht in den rechten Rückraum aus. Für ihn  würde mit Andrej Golic ein weiterer „alter Hase“ die Spielmacher-Position besetzen. Der Cousin des Wetzlarers Nebojsa Golic lernte im bosnischen Banja Luka das Handball-ABC, besitzt aber schon lange die französische Staatsbürgerschaft. Den „Balkan-Rückraum“ könnte Nikola Karabatic komplettieren. Auch das 20-jährige Mega-Talent, das sich ab Sommer das Trikot des THW Kiel überstreift, stammt gebürtig aus Südosteuropa.
Ein weiteres Phänomen bei Montpellier HB ist die Flügelzange, die bei der Weltmeisterschaft letztmalig gemeinsam für Frankreich auf Torejagd ging. Während dem jungen Michael Guigou eine sehr große Karriere prognostiziert wird, steht der bereits erwähnte Grégory Anquetil im Abend seiner Laufbahn. Als zweiter Rechtsaußen könnte der fast 30-jährige Frédéric Dole zum Zuge kommen – für den Fall, dass sein berühmter Kollege in den Rückraum abkommandiert wird. Neben den Außen verfügt Montpellier über ein weiteres Gespann im Nationaltrikot: die beiden Torhüter. Dabei hat Thierry Omeyer gegenüber Daouda Karaboue, der an der Elfenbeinküste geboren wurde und schon für Hameln in der Bundesliga spielte, die Nase leicht vorn.
In den letzten Wochen hatte der Coach Patrice Canayer eine zweite „Kummer-Stelle“. Der tschechische Kreisläufer David Juricek kehrte von der Weltmeisterschaft, bei der er den Sprung ins All-Star-Team schaffte, verletzt zurück. Auf dieser Position hat Montpellier mit Laurant Puigsegur, der seinen Vertrag wie Mladen Bojinovic, Franck Junillon und Thierry Omeyer erst vor Kurzem verlängerte, aber eine gute Alternative. Der 33-Jährige brachte es immerhin auf 72 Länderspiele für Frankreich. So darf Patrice Canayer hoffen, dass seine aggressive Abwehr – gewöhnlich in einer 5:1-Formation – auch gegen die SG Flensburg-Handewitt nicht an Stabilität und Schrecken verliert.

Montpellier HB in der Saison 2004/2005.
Hinten von links: Thierry Omeyer, Sebastian Bosquet, Damien Kabengele, Mladen Bojinovic, Franck Junillon, Nikola Karabatic, Daouda Karaboue. Mittlere Reihe: Co-Trainer: Fabrice Grasset, David Juricek, Laurant Puigsegur, Geoffrey Krantz, Andrej Golic, Trainer Patrice Canayer. Vordere Reihe: Betreuer Salas, Frédéric Dole, Sobhi Sioud, Michael Guigou, Grégory Anquetil, Betreuer Carmand.

 

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