Ein unterirdischer Start

- 30 Jahre SG Flensburg-Handewitt, Folge 1

Am 1. Juli 1990 ging es unter die Erde. Ein paar Treppenstufen abwärts wurde im Restaurant „Porterhouse“ ein historischer Moment in der Geschichte des Flensburger Handballsports gefeiert: die Geburtsstunde der SG Flensburg-Handewitt. In den Reden von Frerich Eilts und Günter Ahlers, den Vorsitzenden der beiden Stammvereine schwang unüberhörbar Stolz mit, die „Super-SG“ endlich in die Wege geleitet zu haben.

Die Erwartungen waren groß. Das SG-Budget mit umgerechnet 220.000 Euro war indes noch klein.
Ein Ligaausschuss sollte den Sport- und Wirtschaftsbetrieb des neuen Zweitligisten prägen. Dieses Gremium unterstand den Weisungen des Präsidiums, mit Staatsanwalt Hennig Lorenzen an der Spitze, agierte im Alltag aber weitgehend autark. Den sportlichen Bereich sollten Manfred Werner und Sönke Voß managen. „Werden sich die Fans mit der Mannschaft unter neuer Flagge identifizieren?“, fragten sie sich.

Der Kader der „Stunde null“
Allzu schwer wurde es dem Anhang nicht gemacht. Immerhin zehn Spieler des 16-köpfigen Kaders hatten bereits das Trikot der SG Weiche-Handewitt getragen: die Torhüter Jörg-Uwe Lütt und Oliver Schultz sowie die Feldspieler Frank Schäfer, Michael Bartschies, Dirk Sommerfeld, Rainer Cordes, Frank Tuitjer, Dennes Stapelfeldt, Stefan Morzik und Michael Menzel. Mit Kreisläufer Andreas Mau, Rechtsaußen Ulf Momsen und Linksaußen Jens Timm stießen drei Akteure vom TSB Flensburg zur neuen SG. Für die „echten“ Neuzugänge blickte das Management – wie viele andere Westklubs auch – in die auslaufende DDR-Oberliga und meldete zwei Mal Vollzug. Spielmacher Klaus-Dieter Schulz (Vorwärts Frankfurt) und Kreisläufer Thomas Blasczyk (Stahl Brandenburg) landeten bei der SG. Ein Agent empfahl den norwegischen Linkshänder Knut-Arne Iversen (Sandefjord HK), der beim Probe-Training überzeugte. Die Rückennummer 14 avancierte nach anfänglichen Schwierigkeiten zum Leistungsträger und Publikumsliebling.

Ein „harter Hund“
Spannend war die Besetzung des Trainerpostens. Wochenlang schwirrten die unterschiedlichsten Namen durch die Gazetten. Mal wurde der Magdeburger Ingolf Wiegert favorisiert, ein anderes Mal der Fredenbecker Thomas Gloth. Aber letztendlich wurde es Zvonimir „Noka“ Serdarusic. „Noka ist immer unser Wunschtrainer gewesen“, freute sich Ligaausschuss-Mitglied Jan Glöe. Der ehemalige jugoslawische National-Kreisläufer galt als „harter Hund“ und hatte gerade erst den VfL Bad Schwartau in die Bundesliga geführt. An der neuen Wirkungsstätte war aller Anfang schwer: Viele Verletzungen störten die Vorbereitung. So war Noka Serdarusic heilfroh, am 8. September 1990 zur Punktspiel-Premiere der SG Flensburg Handewitt alle Leistungsträger aufbieten zu können. Das Debüt gegen Wuppertal brachte einen glanzlosen 22:17-Sieg. „Hauptsache, wir haben gewonnen“, bat der Trainer um Geduld. „In ein paar Wochen werden wir besser spielen.“

Der Rücktritt eines Urgesteins
Die SG ließ weiterhin eine spielerische Konstanz vermissen. Hameln, Düsseldorf und der Aufstieg verschwanden schnell in weite Ferne. Die Krise spitzte sich zu. Ihren Höhepunkt sollte sie am 8. Dezember 1990 erreichen. An diesem Sonnabend kassierte die SG gegen Bayer Leverkusen ihre erste Heimschlappe, ein knappes 18:19. Der sportliche Offenbarungseid wurde auf den Rängen mit Unmut begleitet, der beinahe eskaliert wäre, als einer der beiden Schiedsrichter von einer zusammengerollten Hallenzeitung verletzt wurde. Nach dem Schlusspfiff rissen die Diskussionen nicht ab. Drei Tage später gab Manfred Werner eine Erklärung ab: „Es ist eine bittere Stunde, die eine Neuorientierung in unserer Vereinspolitik und in unserer Vereinsstruktur erforderlich macht.“ Manfred Werner trat vom Posten des Managers zurück, nahm nach einigen Monaten aber wieder Tuchfühlung zur SG auf. Die kletterte im Schlussspurt noch auf Rang vier der Zweiten Liga.

Vom Fehlstart zum Rekord
Damit waren Präsidium und Ligaausschuss keineswegs zufrieden. Es sollte so schnell wie möglich in die Beletage des deutschen Handballs gehen. Daher erhielt Noka Serdarusic freie Hand beim Umbau der Mannschaft und wurde kräftig mit gestandenen Bundesliga-Akteuren versorgt. Torwart Thomas Buchloh (VfL Fredenbeck), Spielmacher Walter Schubert, Linksaußen Andreas Hertelt (beide TuRU Düsseldorf) und Kreisläufer Horst Wiemann (THW Kiel) heuerten im hohen Norden an. Zudem wurde Dierk Schmäschke überredet, sich noch einmal die Handballschuhe anzuziehen. Durch die neue 2. Bundesliga, die zur Saison 1991/92 mit vielen Klubs aus der ehemaligen DDR aufgestockt wurde, eilte die SG mit 52:0 Punkten. Ein Rekord! Als Folge der neuen Liga-Strukturen brachte der Durchmarsch aber nur einen Platz in der Relegationsrunde ein.

Folge 2 am Montag: Ein heißer Frühling