Auszeit auf dem Roten Sofa: Torge Johannsen
Auf die Frage: Wohin mit dem Sofa, hast Du aus dem Stehgreif „zu Jacob Cement“ geantwortet. Die meisten Spieler überlegen länger. Warum wolltest Du hierher?
Torge Johannsen: Aus mehreren Gründen. Ich hatte hier gearbeitet.
Okay! Aber welche Arbeit macht einen Handballprofi so viel Spaß, dass man dann den Firmenstandort zum Lieblingsplatz erklärt?
Torge Johannsen: Jacob Cement steht für mich für verschiedene Dinge. Als ich hier gearbeitet habe, war ich noch ein klassischer Handball-Halbprofi. Aus heutiger Sicht erscheint es einem nicht mehr als etwas Besonderes. Aber damals war das für mich ein großer Schritt. Ein Halbprofi arbeitet halbtags und nimmt parallel an den Trainingseinheiten teil. Ich bin Groß- und Außenhandelskaufmann. In der Branche ist es nicht so leicht einen Halbtagsjob zu bekommen. Hier hatte mir das Firmenchef Boy Meesenburg ermöglicht. Ich konnte neben meiner Tätigkeit hier viel trainieren. Und dass man bei einer Mannschaft, wie die SG Flensburg-Handewitt viel trainieren muss, auch wenn man erst bei den wichtigsten Spielen die Bank drückt, ist doch klar.
Aber aus irgendeinem Grund muss dir diese Ecke noch wichtig sein. Sonst hättest du das Sofa vor der Duburghalle absetzen lassen.
Torge Johannsen: Ja. Ich schätze hier die Professionalität und das Bewusstsein für Tradition. Es ist hier ein Unternehmen, das Werte hochhält und sich trotzdem weiterentwickelt. Boy Meesenburgs Philosophie bewundere ich.
Ist er ein Freund von Dir?
Torge Johannsen: Ich identifiziere mich absolut mit dieser Firma, und er steht für diese Firma. Ich weiß nicht, ob man das Verhältnis als Freundschaft bezeichnen kann. Ich schätze ihn sehr, aber ich weiß nicht einmal, ob wir uns duzen oder siezen.
Jetzt muss ich lachen! Wie ist das möglich?
Torge Johannsen: Als Angestellter duzt man seinen Chef nicht. So war unser Verhältnis früher. Jetzt sehen wir uns meistens nach den Spielen in der Club100-Lounge. Eine völlig andere Situation. Vielleicht muss ich das mal klären.
Bei den Worten „Nordfriesen-Power“, „Nordlicht“ wissen immer alle, dass du gemeint bist. Wie ist das entstanden? Bist du wirklich so Norddeutsch?
Torge Johannsen: Ich glaube nicht, dass ich so sehr typisch norddeutsch bin. Wenn man mit so vielen Nationalitäten zusammen spielt, wird man von vielen Mentalitäten geprägt. Ich bin genauso gerne mit der „Ost-Fraktion“ Chevapcici essen, wie mit den Dänen zusammen. Allerdings fange ich sofort mit Plattdeutsch an, wenn ich jemanden aus meiner Region treffe. Dann greifen sofort bestimmte Automatismen. (lacht)
Aber Du bist schon ein Aushängeschild der Region.
Torge Johannsen: Ich denke mal ja. Ich halte mich nicht für so außergewöhnlich, bin aber schon sehr stolz darauf, dass Menschen das so sehen. Vielleicht ist das entstanden, weil kein Profi-Handballer sonst aus unserer Gegend kommt. Da jetzt Holpi aufgehört hat, bin ich wohl der einzige.
Als Profi kommt man nicht auf die Welt. Eine solche Karriere ist das Ergebnis von harter Arbeit und der Weg dahin ist oft „steinig“. Was war die wichtigste und gleichzeitig schwerste Entscheidung für dich?
Torge Johannsen: Mein Wechsel vom SZ Ohrstedt zur HSG Tarp-Wanderup.
Und wieso gerade dieser Wechsel?
Torge Johannsen: Wenn du als Kind mit dem Handball anfängst, kennst du im Klub alle. Von den Kindern über die Betreuern bis hin zu Senioren. Beim SZ Ohrstedt war das für mich so. Bei der HSG Tarp-Wanderup war ich erst einmal fremd. Es hat sich aber als richtige Entscheidung erwiesen, eine neue Handball-Welt hat sich für mich eröffnet.
Fotos: Brian Bojsen
Woran kannst du dich aus dieser Zeit intensiv erinnern?
Torge Johannsen: Wir haben mal ein DHB-Pokal-Spiel gegen Magdeburg gespielt. Ich bin vor Ehrfurcht fast erstarrt, als ich gegen Stefan Kretzschmar spielen durfte. Ich kann mich auch gut an meine Aufregung vor dem ersten Freundschaftsspiel gegen den THW Kiel erinnern. Es war wirklich was Besonderes mit Stefan Lövgren, Magnus Wislander oder Staffan Olsson in die Halle zu laufen. Für einen jungen Spieler sind das unvergessliche Momente.
Hast du auch bei SG-Spielern so ein Respekt gehabt?
Torge Johannsen: Als Kind klar! Ich stand bei Lars und Faxe Schlange, um ein Autogramm zu bekommen. Mein Bruder war mein Held, als er mir ein Schweißband von Lars Christiansen besorgt hatte.
Jetzt spielst du tagtäglich mit den Idolen deiner Kindheit zusammen. Wann und wie erledigt sich dann dieses komische Gefühl? In einer Mannschaft sind die Spieler doch auf Augenhöhe?
Torge Johannsen: Ja klar. Einen genauen Zeitpunkt kann man nicht sagen. Irgendwann „wächst“ man heran. Es ist aber auch wichtig, dass man auf Augenhöhe ist, sonst kommt man nicht weiter.
Okay. Und wann meinst du, bist du herangewachsen?
Torge Johannsen: In Dormagen, denke ich. Als junger Spieler bist du erst einmal ein „Talent“. Die Leute denken „gucken wir mal, wo sein Weg hingeht“. Dann fängst du mit dem Profisport an und wirst ausschließlich an deinen sportlichen Leistungen gemessen. Vorher hatte ich meinen Job als Basis. Anfangs war es schwer für mich. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits Familienvater. Und wenn nach dem Schritt zum Profi-Handballer Zweifel kommen zu versagen, wird es eng. Irgendwann in dieser Zeit fängt man auch an, sich als Sportler ernst zu nehmen.
Du hast öfter erzählt, wie gern du bei der SG spielst. Hat diese Begeisterung nur sportliche Gründe?
Torge Johannsen: Nein, nicht nur. Es gibt hier so viele tolle Menschen! Und das Menschliche ist genauso wichtig. Die Mannschaft kann nur gut funktionieren, wenn auch das Mannschaftsgefühl passt. Und das ist hier wirklich super. Als Spieler hast du immer einige, mit denen du dich besonders gut verstehst. Aber bei der SG habe ich nicht nur zwei oder drei solcher Freundschaften, sondern sechs oder sieben! Auch mit ehemaligen Mannschaftskollegen verstehe ich mich besonders gut. Für Holpi, Glenn oder Jan-Thomas würde ich mich nach wie vor sofort ins Auto setzen, wenn sie zum Beispiel mitten in der Nacht aus München abgeholt werden möchten und meine Hilfe brauchen.
Das klingt so „bedingungslos“. Wieso ist das für dich so selbstverständlich?
Torge Johannsen: Wenn du Profi-Handballer bist, ist das nicht „so ein Job“. Du verbringst sehr viel Zeit mit den anderen. Die gemeinsamen Erfahrungen sind auch extrem emotional. Du verlierst und gewinnst, weinst und feierst zusammen. Die Leute wachsen dir total ans Herz. Für diese Intensität ist es echt egal, ob du zwei oder sechs Jahre mit jemand gespielt hast.
Und wie ist das, wenn jemand dann die Mannschaft verlässt?
Torge Johannsen: Für mich ist das oft schwer zu akzeptieren! Ich komme mit diesen Abschieden nicht so leicht klar. Viele, die aus unterschiedlichen Gründen gehen, gehören für mich emotional immer noch dazu. Ich bin in der Hinsicht ein sehr emotionaler Mensch.
Apropos Emotional: Deine Familie ist sehr oft bei den Spielen. Deine Mutter, Brüder, deine Schwester sieht man häufig in der Halle, wie sie mitfiebern. Geht es bei den Besuchen um „den Daumen drücken“, oder sind sie alle handballinteressiert?
Torge Johannsen: Es ist eine Mischung, denke ich. Sie sind bestimmt ein bisschen stolz. Ich bin ja auch der Jüngste. Meine Geschwister haben alle mal Handball gespielt. Ich denke, dass Ramona, meine Schwester am talentiertesten war, leider konnte sie ihre Handball-Karriere verletzungsbedingt nicht fortsetzen.
Wird bei Euch zu hause auch viel über Handball gesprochen?
Torge Johannsen: Meine Kinder sind noch viel zu klein, als dass sie sich für den Sport interessieren würden. Meine ältere Tochter Laila fragt mich nur, wie viele Tore ich für sie gemacht habe. Und die Gespräche mit meiner Frau würde ich als den gesunden Ausgleich zu meiner Handball-Welt bezeichnen, was jeder Spieler braucht. Aber ich spreche sehr oft über alles, was mit Handball zu tun hat, mit Ralf, meinem ältesten Bruder. Er ist auch der Grund dafür, dass ich noch nie einen professionellen Berater gebraucht habe, was im Profibereich sehr selten ist. Ich schätze seine Objektivität und Wahrnehmung sehr. Er hat vom SZ Ohrstedt bis jetzt „seinen Job“ immer sehr gut gemacht! (lacht)







