Auszeit auf dem Roten Sofa: Ljubomir Vranjes
Warum sollte das Sofa gerade hier stehen?
Ljubomir Vranjes: Wegen des Wassers wollte ich an die Förde. Und auf dieser Seite des Fjords ist die Abendsonne am schönsten. Hier hat man das beste Licht für Fotografie.
Deine Bilder kennt man spätestens seit dem SG-Kalender für das Jahr 2007. Wann hast du mit der Fotografie angefangen?
Ljubomir Vranjes: Ich „schieße“ schon immer. Aber erst seit 2000 mit „Absicht“. Seit dem habe ich meine Kamera immer dabei. Die Ausrüstung ist seit dem stetig teurer und anspruchsvoller geworden. Meine Familie, Freunde und Mannschaftskollegen haben sich daran gewöhnt und zucken nicht mehr zusammen, wenn es blitzt.
Wie viele Fotos hast du inzwischen?
Ljubomir Vranjes: Oh je! Zehn, zwanzig Tausend? Keine Ahnung! Sehr viele!
Werden diese Bilder irgendwann veröffentlicht?
Ljubomir Vranjes: Ja, ich möchte die Bilder schon veröffentlichen. Ich denke über verschiedene Alternativen nach. Es könnte ein reiner Bildband sein. Oder so eine Bild-Biografie mit kurzen Texten.
Denkst du schon über deine Biografie nach?
Ljubomir Vranjes: Ich habe kein Interesse an eine Geschichte über mein Leben. Ich könnte mir aber eine Art Handball-Biografie vorstellen. Mit sehr vielen Bildern über meine Mannschaft, Mitspieler, Trainer, das jeweilige Umfeld. Da gehört sicherlich auch die Familie, also die Menschen, die mir am wichtigsten sind dazu. In erster Linie sollte das aber ein Werk über Handball sein. Ich habe sehr viele Bilder aus Spanien, Nordhorn und Flensburg.
Du bist ein Teil der Mannschaft. So hat man eine ganz andere Nähe zu den Spielern. Du darfst dich, als einziger Fotograf im Mannschaftsbus, in der Kabine und auf Mannschaftsabende „austoben“. Es sind bestimmt auch Bilder in deiner Sammlung, die nicht vorteilhaft oder „jugendfrei“ sind. Würdest du sie auch zeigen wollen?
Ljubomir Vranjes: Klar! Ich berufe mich dann auf die Pressefreiheit! (lacht) Natürlich würde ich die Betroffenen fragen. Aber grundsätzlich finde ich auch diese Bilder sehr interessant! Man darf auch nicht vergessen, dass Profisportler ständig abgelichtet werden. Du bist irgendwann daran gewöhnt, Fotos von dir zu sehen. Die Schmerzgrenze bei uns ist eine andere.
Du bist seit Saisonbeginn Kapitän der Mannschaft. Als eine deiner ersten Diensthandlungen hast du jedem Spieler ein Amt zugeteilt. Hatte diese Maßnahme einen psychologischen Hintergrund?
Ljubomir Vranjes: Es ist toll und eine Ehre Kapitän einer Mannschaft zu sein. Die Jungs glauben an dich und du trägst zusätzliche Verantwortung. Aber eine Mannschaft kann man nur mit Demokratie und nicht mit Diktatur führen. Deswegen hat auch jeder sein Bereich bekommen. (lacht) Ich bin mir aber sicher, dass die Jungs nicht von der Verantwortung erdrückt werden. 
Fotos: Brian Bojsen
Wie sehen jetzt die Verantwortungsbereiche des Einzelnen aus?
Ljubomir Vranjes: Alex und Blaz sind Chefs am Ball. Das heißt, dass sie immer dafür sorgen müssen, dass wir Fußbälle mit haben. Einars Aufgabe liegt im Filmbereich. Thomas, Lars und Dan sind Unterhaltungschefs. Aber alles will ich nicht verraten. (lacht) Irgendwann wird man sowieso die Fotos sehen.
Also wieder Fotos. Dieses Hobby nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Wie stehen deine Frau Maria und die Kinder dazu?
Ljubomir Vranjes: Sie wissen und tolerieren das. Und die Grenze kenne ich noch. Natürlich darf ein Hobby nicht zur Besessenheit werden. Ich versuche eine Balance zu finden und tobe mich in erster Linie bei den Auswärtsfahrten aus.
Apropos Auswärtsfahrten: Wie lange willst du noch Handball spielen. Und was kommt danach?
Ljubomir Vranjes: Ich bin über 30, die Frage ist legitim. Die letzte Zeit war ich nicht verletzt – und Lust habe ich immer noch. Ich denke, ich könnte noch zwei oder drei Jahre aktiv spielen. Und danach könnte ich mir viel vorstellen. Erst einmal werde ich eine Pause vom Handball brauchen und mich vielleicht ausschließlich mit Fotografie beschäftigen. Dann könnte ich mir vorstellen wieder in einem Verein tätig zu sein. Vielleicht als Trainer? Wir werden sehen.
Und wo willst du leben, wenn du ganz alt bist?
Ljubomir Vranjes: In Schweden. Da werde ich ein Haus bauen.
Du bist zwar in Schweden geboren, deine Eltern sind aber aus Serbien. Wurde bei euch zu Hause noch serbisch gesprochen?
Ljubomir Vranjes: Was heißt wurde? Es wird immer noch serbisch gesprochen. Ich finde es wichtig, dass die Sprache erhalten bleibt. Meine Eltern sprechen auch mit meinem Sohn William serbisch. Er versteht die Sprache auch. Ich spreche mit ihm auch manchmal in meiner Muttersprache. Mache es aber nicht immer, weil ich ihn nicht durcheinander bringen will. Er spricht zu Hause schwedisch und mit seinen Freunden deutsch. Ich weiß, dass Kinder schnell lernen. Ich will ihn aber nicht mit einer dritten Sprache verwirren.
Fühlst du dich „serbisch“?
Ljubomir Vranjes: Ja, auch. Es ist immer situationsbedingt, aber ja.
Und wie fühlt man sich als Serbe?
Ljubomir Vranjes: Die Serben sind irgendwie emotionaler, als die Schweden. Sie zeigen ihre Gefühle offener und stehen dazu. Ich glaube auch, dass Emotionen nur menschlich sind und es ist nichts dabei, sie offen zu leben. Sie machen uns nur einmalig. Die Gesichter verraten schon viel über den Menschen auf dem Balkan. Ich bin da keine Ausnahme.
Erkennst du deine „Landsleute“ auf der Straße?
Ljubomir Vranjes: Auf 100 Meter Entfernung! Natürlich kann ich nach einem Blick nicht immer sagen, ob sie aus Kroatien, Mazedonien oder Serbien kommen, aber immer mit Sicherheit, dass es Menschen aus Ex-Jugoslawien sind. Das siehst du am Gesicht, Mimik, Haare… Die Gesamterscheinung ist sehr typisch. Witzig finde ich, dass inzwischen auch meine Frau Maria eine Sensibilität für den Balkan entwickelt hat und die Leute von dort schon aus der Weite erkennt.
Es ist vielleicht gefährlich, einen Schweden mit serbischen Herzen genau das zu fragen. Aber welche Frage hat man dir schon so oft gestellt, dass du sie nicht mehr hören kannst?
Ljubomir Vranjes: „Ist es nicht unmöglich mit 1,68 Metern zwischen Zwei-Meter-Riesen zu spielen.“ Die Frage kann ich nicht mehr hören. Sie wird mir seit zehn Jahren ständig gestellt.
Und wie reagierst du dann auf die Frage?
Ljubomir Vranjes: Ich beantworte sie immer gleich. Auf die gleiche Frage fällt einem nicht immer was anderes ein. Ich hoffe, dass meine Antwort irgendwann für Journalisten so langweilig ist, dass mir diese Frage nicht mehr gestellt wird.
Du hast schnell den Eindruck gemacht, als hättest du dich hier in Flensburg schnell eingelebt. Gibt es etwas, was dich hier nervt?
Ljubomir Vranjes: Also, ich habe hier Freunde gefunden. Das ist erst einmal das Wichtigste. Und ich wüsste nicht, was mich nerven sollte. Als Mensch funktioniere ich nicht so. Ich sehe nicht Probleme, ich sehe Aufgaben. Ich kann alles für mich ins Positive verwandeln. Nur wer positiv denkt, lebt auch positiv.
Die Einstellung ist aber eher Schwedisch.
Ljubomir Vranjes: Ja, wahrscheinlich.










