Spannung im 91. Landesderby

23.11.2016 -VELUX EHF Champions League: 25:26 – an den Punkten vorbeigeschrammt

Im 91. Landesderby verlor die SG Flensburg-Handewitt gegen den THW Kiel mit 25:26 (13:17). Damit geht sie in der Gruppe A der VELUX EHF Champions League mit 9:7 Punkten in die WM-Pause. „Wir wollten unseren Zuschauern unbedingt beweisen, dass der Sieg in Kiel keine Eintagsfliege war“, meinte SG Rückraumspieler Rasmus Lauge. „Wir haben aber insgesamt zu viele Chancen ausgelassen, es war leider nicht unser Tag.“ THW-Coach Alfred Gislason bilanzierte indes hochzufrieden: „Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Nach dem Debakel zu Hause hat sie nun eine ganz andere Einstellung gezeigt.“

Bei einem Derby ist die Atmosphäre noch prickelnder als sonst. Das bewies bereits die Einlauf-Zeremonie. Zur Begrüßung sprangen rote, weiße und blaue Luftballons auf der Nordtribüne. Und als das Spiel wegen der ausgefallenen Anzeigetafel verspätet begann, hallten Rufe durch das Rund: „Steht auf, wenn ihr Flensburg seid!“ Der emotionale Schulterschluss für die Mannschaft war da. Eine Überraschung brachte die Seitenwahl: Die SG griff – anders als sonst – in der ersten Hälfte in Richtung Nordtribüne an.

Die Mannschaft wurde toll empfangen.

Die SG begann ganz in einer ganz anderen Aufstellung als am Sonntag. Im Rückraum spielten zunächst Jim Gottfridsson, Thomas Mogensen und Johan Jakobsson, der die ersten beiden SG Treffer des Tages erzielte. Matthias Andersson stand diesmal im Tor, Henrik Toft Hansen am Kreis. Die Flügel besetzten Anders Eggert und Lasse Svan, der seinen 100. Europapokal-Einsatz für die SG bestritt. Der THW hatte neben Domagoj Duvnjak mit Christian Zeitz und Steffen Weinhold erneut zwei Linkshänder in der zweiten Reihe. Den besseren Start erwischte allerdings die SG. Mattias Andersson nahm den Ball auf und bediente den nach vorne sprintenden Henrik Toft Hansen, der zum 3:1 einlochte.

Sofort war Feuer unter dem Dach, die SG vermochte das hohe Niveau aber nicht zu halten. Mit einem starken Rückraum und Keeper Andreas Wolff bekamen die Gäste Oberwasser. Raul Santos schloss von Linksaußen zum 5:8 ab. Nun war viel Klasse und Dynamik in der Partie. Der extra eingewechselte Kevin Møller hatte seinen großen Auftritt, als er einen Siebenmeter von Niclas Ekberg entschärfte. Vorne erspähte Jim Gottfridsson die Lücke und verkürzte auf 7:8. Die SG war dran. Henrik Toft Hansen schnappte sich einen Abpraller und schob zum 9:10 ein.

Wieder mit von der Partie: Thomas Mogensen.

Bei der SG tauchten nun Rasmus Lauge, kurzfristig der erkrankte Holger Glandorf und später Anders Zachariassen auf der Platte auf. Zusetzen konnte die Hausherren in dieser Phase dennoch nicht. Im Gegenteil: Die „Zebras“ zogen auf 11:16 davon. „Die Abwehr war gut, der Angriff agierte diszipliniert und in der ersten Hälfte sogar richtig gut“, lobte Alfred Gislason. Dagegen klagte SG Trainer Ljubomir Vranjes: „Das waren mir in der ersten Halbzeit einfach zu viele Gegentreffer. Ich vermisste weitgehend die Aggressivität. Und wenn sie da war, fehlten uns die Paraden im Tor.“

Bis zur Pause war nur etwas Ergebniskosmetik drin. Anders Zachariassen hatte freie Bahn und traf zum 13:17. Was Mut machte: Die „Hölle Nord“ stand fest hinter ihrer SG. Mehr als einmal erhob sich die Sitzplatz-Anhängerschaft und feuerte ihre Farben an. Die Stimmung wuchs zu Beginn der zweiten Hälfte nochmals. Kevin Møller präsentierte sich in großer Form, und vorne trafen die Rückraum-Asse. Als Thomas Mogensen zum 18:18 durchmarschierte, pulsierte die „Hölle Nord“ und der THW nahm ein Team-Timeout. Aber sofort positionierte sich wieder der SG Mittelblock, und die Gastgeber hatten erneut den Ball. Ohrenbetäubend war der Jubel, als Anders Eggert nach feiner Kombination die Führung markierte. „Wir hatten in der Kabine über unsere Abwehr gesprochen“, berichtete Ljubomir Vranjes später. „Meine Jungs kamen mit einer ganz anderen Einstellung zurück und hatten Feuer in den Augen.“

Johan Jakobsson startete in beide Hälften gut.

Die Kieler tauschten die Torhüter: Niklas Landin parierte gleich den ersten Wurf, und seine Truppe ging wieder in Front. Nun war es ein Kampf auf absoluter Augenhöhe – und mit wechselnden Führungen: Mit energischem Antritt besorgte Johan Jakobsson das 21:20. Keinen hielt es mehr auf seinem Platz. „Christian Zeitz hatte Rückenprobleme, Steffen Weinhold eine Zerrung – da ging es bei uns ziemlich durcheinander“, beobachtete Alfred Gislason. „Stolz bin ich, wie meine Mannschaft es dennoch gepackt hat.“

Bitter: Jim Gottfridsson musste nach einem Pferdekuss ausscheiden. Ärgerlich: Beim 22:23 ließ die SG eine doppelte Überzahl aus. Domagoj Duvnjak bestrafte dies mit dem ersten Zwei-Tore-Vorsprung seit Langem. Ärgerlich auch, dass Anders Eggert und Thomas Mogensen in kurzer Folge die Latte trafen. Plötzlich hieß es 23:26. Ein Distanzwurf von Rasmus Lauge ins verwaiste THW-Gehäuse weckte neue Hoffnungen. Leider wurde dem Dänen kurz darauf zu Unrecht ein Stürmerfoul angekreidet, und Bogdan Radivojevic scheiterte an Niklas Landin. Die Chancen waren da, der THW hatte nichts mehr zuzusetzen.

Anders Eggert feierte seine Siebenmeter.

Nachdem Rasmus Lauge 55 Sekunden vor Schluss tatsächlich den 25:26-Anschluss geschafft hatte, versuchte es die SG mit einer offensiven Defensive. Kentin Mahé agierte als Spitze. Doch dem THW gelang es, sich über die Zeit zu retten. Nach anfänglicher Enttäuschung schallte es: „Flensburg! Flensburg!“ Die Mannschaft hatte wirklich alles gegeben. „Aber leider ist sie mit dem Stress nicht fertig geworden“, analysierte Ljubomir Vranjes. „Unglaublich viele einfache Fehler, ein paar Pfostentreffer und ein paar falsche Entscheidungen – das alles summiert sich im Handball zu keinem guten Ergebnis.“

Rasmus Lauge traf aus großer Distanz. Fotos: Ki.


SG Flensburg-Handewitt – THW Kiel 25:26 (13:17)
SG Flensburg-Handewitt: Andersson (2 Paraden, bis 26., bei einem 7m), Møller (10/1 Paraden, ab 26., bei zwei 7m) – Karlsson, Eggert (7/3), Glandorf (1), Mogensen (3), Svan, Jakobsson (4), Zachariassen (1), Toft Hansen (2), Gottfridsson (3), Lauge (4), Mahé, Radivojevic
THW Kiel: Landin (8 Paraden, ab 39.), Wolff (8 Paraden) – Duvnjak (5), Firnhaber, Vujin (1), Wiencek (2), Ekberg (5/3), Weinhold (1), Nilsson (1), Santos (3), Bilyk (3), Zeitz (5), Brozovic
Schiedsrichter: Dinu/Din (Rumänien); Zeitstrafen: 4:12 Minuten (Karlsson 2, Lauge 2 – Brozovic 6, Zeitz 2, Weinhold 2, Firnhaber 2); Rote Karte: Brozovic (49., dritte Hinausstellung); Siebenmeter: 3/3:4/3 (Ekberg scheitert an Møller); Zuschauer: 6300 (ausverkauft)
Spielverlauf: 1:0 (1.), 3:1 (4.), 4:2 (6.), 4:6 (10.), 5:8 (14.), 7:8 (16.), 8:9 (17.), 9:10 (19.), 9:12 (21.), 10:14 (25.), 11:16 (27.), 12:16 (29.) – 14:18 (32.), 19:18 (37.), 19:20 (42.), 21:20 (45.), 21:22 (48.), 22:22 (49.), 22:25 (52.), 23:26 (54.), 24:26 (56.)

 

Von: ki