„Hölle Nord“ im kollektiven Wahnsinn

26.10.2016 -DHB-Pokal: 36:34 – große Krimi-Stunde mit der SG

Dramatik pur mit Happyend: Die SG Flensburg-Handewitt hat das Viertelfinale um den DHB-Pokal erreicht. Sie schlug am Abend die Füchse Berlin nach Verlängerung mit 36:34 (14:16, 30:30). „Das war in einer außergewöhnlichen Atmosphäre ein außergewöhnliches Spiel, das in die Pokalgeschichte der SG eingehen wird“, strahlte ein sichtlich erleichterter SG Geschäftsführer Dierk Schmäschke. SG Trainer Ljubomir bedankte sich ganz besonders bei den Zuschauern: „Sie haben uns 70 Minuten lang fantastisch unterstützt, ohne sie hätten wir es nicht geschafft.“ Volker Zerbe, sportlicher Leiter der Füchse, staunte: „Verlängerungen gibt es eigentlich nur in Hamburg, aber jetzt schon in der dritten Runde.“ Was für ein Abend! 70 Tore, 70 Minuten und ein kollektiver Wahnsinn in der „Hölle Nord“.

Zum Anfang: „Super, Flensburg-Handewitt!“ Mit Gesängen begrüßten die Fans ihre SG. Und die Mannschaft nahm die Stimmung mit auf das Parkett. Holger Glandorf eilte sofort durch die Füchse-Deckung und entfachte mit dem ersten Treffer auf den Rängen einen kleinen Orkan. Der steigerte sich noch, als der Linkshänder einen Gegenstoß zum 3:1 abschloss. So ging es leider nicht weiter: Berlin bewegte sich voll auf Augenhöhe. Goalgetter Petar Nenadic erwischte einen guten Start, Keeper Silvio Heinevetter nervte vor allem die SG Außen Lasse Svan und Anders Eggert.

Kevin Møller: Noch 58 Minuten bis zur Einwechslung.

Im Rückraum begannen neben Holger Glandorf außerdem Petar Djordjic und Thomas Mogensen. Im Mittelblock agierten Tobias Karlsson und Jacob Heinl. Nach einer Viertelstunde kamen Henrik Toft Hansen und Kentin Mahé. Der Franzose war hellwach, schnappte sich zwei Mal den Ball in der Deckung und markierte mit einem Doppelschlag das 9:8. Es war vorerst die letzte Führung. Die Füchse glänzten mit einer starken Phase und zogen auf 11:14 davon.

Ljubomir Vranjes legte erstmals seine grüne Karte. Die Zuschauer stärkten ihrer SG den Rücken. Stehende Ovationen spendeten die Sitzplatz-Inhaber. Von der Nordtribüne drang: „Auf geht`s Flensburg, kämpfen und siegen!“ Der eingewechselte Johan Jakobsson verkürzte gleich, und Mattias Andersson entschärfte einige Bälle. Vorne schlichen sich allerdings einige Ungenauigkeiten ein, sodass bis zur Halbzeit nur eine leichte Ergebniskosmetik betrieben werden konnte. Unmittelbar vor der Sirene zog Petar Djordjic ab. 14:16! „In der Kabine war ich nicht unzufrieden“, verriet Ljubomir Vranjes. „Es waren nur Kleinigkeiten, die bis dahin gegen uns sprachen – und wir hatten noch Energie.“

Von Anfang an war Feuer unter dem Dach.

Mit Wiederbeginn griff Jim Gottfridsson ein, Kentin Mahé rückte auf den linken Flügel. Für einen erfolgreich verwandelten Siebenmeter kam aber wie gewohnt Anders Eggert. Mattias Andersson hielt gleich die ersten Würfe, Kentin Mahé düste zum 17:16. Grenzenlose Freude über die erste Führung seit Langem. Bogdan Radivojevic und Johan Jakobsson mit ihren Treffern zum 20:17 entfachten das Handball-Fest noch mehr. Thomas Mogensen war voller Adrenalin, lief einen Gegenstoß zum 22:18 und mit seiner innig geliebten Jubelpose zurück. „Einmal Flensburg, immer Flensburg“, sang der SG Anhang. Die Partie war komplett gedreht. „Ich bin mit dem Spiel insgesamt und vor allem mit der ersten Hälfte zufrieden“, bilanzierte Gästecoach Erlingur Richardsson. „Aber Anfang der zweiten Halbzeit waren mir das zu viele einfache Fehler – dann rollen die Gegenstöße der Flensburger.“

Die Füchse versuchten, sich in einem Team-Timeout zu sammeln. Sie waren an-, aber noch nicht ausgezählt. Als es wenig später 24:22 hieß, war die Spannung zurückgekehrt. Aber die „Hölle Nord“ hielt das Feuer am Leben. Die Konter über Bogdan Radivojevic oder Thomas Mogensen mündeten in besonders emotionale Momente. Dennoch waren die Ballwerfer aus der Bundeshauptstadt nicht abzuschütteln. Ein taktischer Winkelzug wirkte: Von elf Positionsangriffen mit sieben Feldspielern saßen neun. „Diese Variante hat mich überrascht, diese habe ich bei den Füchsen noch nie gesehen“, berichtete Ljubomir Vranjes. „So sind sie zurück ins Spiel gekommen.“

Johan Jakobsson: Wichtige Tore in der Schlussphase

Beim 27:25 trommelte der SG Coach seine Jungs noch einmal zusammen. „Einmal Flensburg, immer Flensburg“, schallte es aus dem Publikum. Bis zum Schlusspfiff begleiteten stehende Ovationen die Aktionen der SG. Johan Jakobsson und Jim Gottfridsson ließen mit ihren Treffern etwas Druck aus dem Ventil. Mehr aber auch nicht. Berlin war nun voll in der Spur. Fabian Wiede glich zum 30:30 aus. Zwölf Sekunden vor Ende pfiffen die Referees ein Stürmerfoul gegen Johan Jakobsson. Die Füchse operierten weiterhin mit sieben Feldspielern, verloren den Ball. Der zwei Minuten vorher eingewechselte Kevin Møller hatte urplötzlich die Chance, mit einem Distanzwurf alles klar zu machen. Der Ball flog leider über das Tor. Verlängerung!

Die Zusatzzeit begann nicht vielversprechend. Thomas Mogensen blieb an der Berliner Deckung hängen, Fabian Wiede brachte die Füchse in Front. Doch dann baute sich Kevin Møller zum großen Rückhalt auf, entschärfte in den nächsten vier Minuten vier Würfe. „Zum ersten Mal überhaupt in meiner Trainer-Karriere habe ich nach 58 Minuten die Torhüter gewechselt, Kevin hat dann seine Sache sehr gut gemacht“, erzählte Ljubomir Vranjes. „Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch spielen würde“, sagte der Keeper. „Aber ich bin immer bereit und freue mich über das von Ljubo gezeigte Vertrauen.“

Henrik Toft Hansen traf zum 34:31.

Dir SG ging auf die Überholspur, und Henrik Toft Hansen markierte exakt mit der Sirene das 34:31. Riesen-Jubel im Rund – war das bereits die Entscheidung? Nein, die Berliner zeigten in den letzten fünf Minuten große Moral. 80 Sekunden vor Schluss hieß es durch Jakov Gojun nur noch 35:34. Der letzte Angriff der SG: Kentin Mahé hatte Platz auf Linksaußen und bewies Nervenstärke: Tor und Sieg! Die „Hölle Nord“ stand Kopf. „Oh, wie ist das schön!“ Dann der Bonus: Per Video wurde bekanntgegeben, dass Tobias Karlsson bis 2019 verlängert hat. Die Party erreichte ihren Siedepunkt mit dem Kapitän als spontanen Zeremonienmeister.

Kentin Mahé erzielte den 36:34-Siegtreffer.

 

SG Flensburg-Handewitt – Füchse Berlin 36:34 (14:16, 30:30)
SG Flensburg-Handewitt: Andersson (12 Paraden), Møller (5 Paraden, ab 58.) – Karlsson, Eggert (2/2), Glandorf (2), Mogensen (7), Svan, Djordjic (4), Jakobsson (6), Heinl (1), Toft Hansen (1), Gottfridsson (4), Mahé (5), Radivojevic (4)
Füchse Berlin: Heinevetter (5 Paraden) – Wiede (5), Nenadic (8/2), Elisson (3), Jimenez (2), Vukovic, Gojun (3), Lindberg (1), Zachrisson (5), Fäth, Kozina (2), Drux (5)
Schiedsrichter: Schulze/Tönnies (Magdeburg/Dodendorf); Zeitstrafen: 10:6 Minuten (Heinl 4, Karlsson 2, Eggert 2, Mogensen 2 – Gojun 2, Jimenez 2, Drux 2); Siebenmeter: 2/2:2/2; Zuschauer: 5687
Spielverlauf: 1:0 (2.), 3:1 (6.), 3:3 (8.), 4:5 (11.), 7:5 (13.), 7:8 (16.), 9:8 (18.), 9:10 (20.), 9:12 (21.), 11:12 (22.), 11:14 (23.), 12:15 (25.), 13:16 (30.) – 17:16 (34.), 17:17 (35.), 20:17 (37.), 20:18 (38.), 23:18 (42.), 23:21 (44.), 24:22 (45.), 26:22 (47.), 27:23 (50.), 27:25 (52.), 29:26 (54.), 29:28 (56.), 30:30 (58.) – 30:31 (62.), 34:31 (65.), 34:33 (67.), 35:34 (69.) 

 

Von: ki