Einige Köpfe sind nicht klar
(Flensborg Avis; Volker Metzger) Weltklasse-Noten für die Abwehr - kaum Bundesliga-Durchschnitt im Abschluss. Krasser hätte die Kluft zwischen Tore verhindern und Tore werfen kaum sein können, als es die SG Flensburg-Handewitt bei ihrem denkwürdigen Auftritt in der O2 World in Hamburg am Dienstag Abend offenbarte. "Wir hatten heute die Möglichkeit, um hier etwas zu holen. Aber wir fahren stattdessen mit leeren Händen nach Hause", brachte es Ljubomir Vranjes die Gründe für die 19:27 (6:11) Niederlage auf den Punkt.
Nach der Demontage in Kiel (21:35) zum Saisonauftakt musste der SG-Coach sechs Spieltage später zum zweiten Mal das schmerzhafte Gefühl erleben, das der Abstand zur Bundesliga-Spitze immer noch recht üppig ist. "Ich will mich mit dem THW Kiel und dem HSV messen, und nicht mit anderen Mannschaften in der Liga", beharrt der Schwede, "und daran werden wir weiter arbeiten um uns entsprechend weiter zu entwickeln." Mit diesem elitären Anspruchsdenken scheinen allerdings einige seiner Profis derzeit noch reichlich überfordert zu sein.
Anders ausgedrückt - das Problem der SG in Hamburg war rein mentaler Natur. Taktik, Spielsystem, Deckungs-Verhalten, Torhüter-Präsentation, Fitness usw. - alles im absolut grünen Bereich. Manko - gleich mehrere Total-Ausfälle in Sachen Torwurf-Quote führten unweigerlich in die Niederlage. Und das bei einem Gegner, der sich nur in der Abwehr um Torhüter-Titan Johannes Bitter den rund 12000 Zuschauern recht meisterlich präsentierte. "Die Abwehr war absolut in Ordnung, und im Angriff klappte das Spiel sechs gegen sechs auch recht gut. Wir haben aber einfach zu viele Torchancen vergeben", lautete die knappe Analyse von Holger Glandorf.
Der sympathische Linkshänder galt neben Torhüter Mattias Andersson und Michael V. Knudsen als der ganz große Hoffnungsträger bei dem Versuch beim Deutschen Meister zu punkten. Doch ausgerechnet den Toptorjäger legte eine schwere Grippe nahezu komplett außer Gefecht. "Ich hatte nach zehn Minuten null Luft mehr, da ging überhaupt nichts mehr", ärgerte sich der Neuzugang sichtlich. Anstatt die ihm zugedachten Führungsrolle gewohnt überzeugend ausfüllen zu können, quälte sich Glandorf nach seiner langen Auszeit in der zweiten Halbzeit nach minimierten Kräften, aber die SG konnte bei der Torejagd seine Ausfallzeiten schlichtweg nicht kompensieren - niemand war für Glandorf in die Bresche gesprungen.
Die dafür prädestinierten Großkaliber wie Anders Eggert und Lars Kaufmann enttäuschten komplett, blieben ihrem Ruf als brilliante Torjäger schuldig. Erschreckende Werte von 17 bzw. 20 Prozent Wurfeffektivität belegen ihren rabenschwarzen Tag. Da zudem Alternativen wie Petar Djordjic und Tamas Mocsai sehr weit entfernt vom Status eines effektiven Helfers in Erscheinung traten, war das Schicksal früh beschlossen. "Niemand verwirft mit Absicht. Das kann schon einmal passieren", reagierte Viktor Szilágyi diplomatisch auf das folgenschwere Dilemma, aber "wir haben es nicht geschafft, unser Potenzial abzurufen und die Vorgaben umzusetzen."
Nur zu gerne hätte der Österreicher sein Team aktiv auf dem Feld unterstützt, doch auf die ausgezeichneten Führungsqualitäten ihres Spielmachers muss die SG noch ein bisschen verzichten. Der Rechtshänder ist nach seiner Ellenbogen-Operation allerdings zuversichtlich, schon bald wieder ins Aufgebot zurückzukehren. "Wir haben es nie geschafft, den HSV richtig unter Druck zu setzen", erklärte auch SG-Geschäftsführer Holger Kaiser um dann auf den Punkt zu kommen. "Uns hat im Angriff die Qualität bei der Wurfgenauigkeit gefehlt, die Kaltschnäuzigkeit, die positive Arroganz, die Körpersprache auch ein Tor werfen zu wollen, war nicht da."
Mit der Auswechslung der harmlosen und am Ende sogar disziplinarmen Flügelzange Anders Eggert und Lasse Svan Hansen hatte Vranjes noch während der Partie schon ein "erstes Zeichen" setzen wollen. Bleibt nur noch abzuwarten, ob seine Schützlinge das Anspruchsdenken ihres Trainers nun besser verstehen.
