Endlich – der DHB-Pokal ist ein Flensburger

10.05.2015 -REWE Final Four: 32:31 – Ein Krimi mit Siebenmeter-Bonus

Jubel, Trubel, Heiterkeit – die SG Flensburg-Handewitt hat zum vierten Mal nach 2003, 2004 und 2005 den DHB-Pokal gewonnen. Sie schlug im dramatischen Endspiel des REWE Final Four den SC Magdeburg mit 32:31 (11:11, 24:24, 27:27) nach Siebenmeterwerfen. „Diese beiden Tage waren unglaublich“, strahlte SG Trainer Ljubomir Vranjes. „Nach vier verdammten Jahren haben wir endlich den Pokal. Hätte es wieder nicht geklappt, hätte ich wahrscheinlich aufgehört.“ SG Geschäftsführer Dierk Schmäschke ergänzte: „Das waren zwei unglaublich großartige Spiele, auch wenn sie mir ein paar graue Haare mehr gekostet haben. Jetzt feiern wir spontan in der FLENS-ARENA.“ Schöne Nebenausbeute: Johan Jakobsson ergatterte die Torjägerkrone, Mattias Andersson wurde wieder einmal als bester Torhüter des Turniers gekürt.

Die Fans aus dem hohen Norden waren schon vor dem Anpfiff guter Laune, denn es gab schon etwas zu feiern. Der DHK Flensborg, mit dem ehemaligen SG Weltklasse-Kreisläufer Matthias Hahn als Trainer, sicherte sich mit einem 33:29 über die HSG Kleenheim das erstmalig ausgetragene Amateur-Pokal-Finale. Was war das DHK-Orakel wert? Nun, das sollten die nächsten über zwei Stunden zeigen. Die SG begann im Feld mit Anders Eggert, Thomas Mogensen, Anders Zachariassen, Jim Gottfridsson, Lasse Svan und Tobias Karlsson, der sich mit dem nur im Angriff spielenden Johan Jakobsson abwechselte. Im Tor stand natürlich Mattias Andersson, der seinen Vorderleuten mit Paraden gegen die SCM-Flügelspieler gleich die nötige Rückendeckung lieferte.

Im Finale steckten viele Emotionen. Fotos: Ki.

In der Partie war sofort Musik, vor allem von Seiten der SG. Die Spieler liebten den emotionalen Austausch mit ihrem Anhang und befeuerten ihn mit einem glänzenden Start. Anders Eggert verwandelte die Siebenmeter, Thomas Mogensen war in der Spur, und die unorthodoxe Abwehr zunächst kaum zu knacken. 5:1 hieß es nach zehn Minuten, als die SCM-Bank bereits das erste Team-Timeout beantragte. Gleich danach vereitelte Mattias Andersson einen Strafwurf von Robert Weber. Der SCM-Rechtsaußen hatte dafür mehr Glück mit einem Billard-Distanzwurf, als Ljubomir Vranjes bei Unterzahl Ahmed Elahmar als sechsten Feldspieler ins Rennen schickte und sich ein Ballverlust einschlich. Urplötzlich war es mit der Herrlichkeit vorbei. Die nächsten Minuten bestimmten die Bördeländer, die konsequent verkürzten und beim 7:7 erstmals ausglichen. „Ich hatte meiner Mannschaft gesagt, dass ich bedingungslosen Einsatz sehen will“, sagte SCM-Coach Geir Sveinsson. „Meine Mannschaft hat sich daran gehalten, ich bin stolz auf sie.“

Anders Eggert rettete der SG die Verlängerung.

Ljubomir Vranjes zückte die grüne Karte und setzte auf Lars Kaufmann, der bis zum 11:9 für zwei Treffer verantwortlich war. Nun operierte die SG zeitweise mit einer noch extrem offensiven Defensive, versäumte es aber im Angriff nachzulegen. Unmittelbar vor dem Pausenpfiff war Marko Bezjak auf dem Weg zur ersten SCM-Führung. Zum Glück war Mattias Andersson zur Stelle, der Nachwurf von Matthias Musche kam zu spät. Im zweiten Durchgang stürmten beide Teams in Richtung ihrer Fan-Blocks. Die SG hatte zunächst kein Wurfglück, scheiterte binnen fünf Minuten gleich vier Mal an SCM-Keeper Jannick Green. Der SCM war auf 13:11 davongezogen. Nach etwas mehr als sechs Minuten brach Johan Jakobsson endlich den Bann. Die SG meldete sich zurück. Kevin Møller parierte einen Siebenmeter gegen Robert Weber, Anders Zachariassen wurde am Kreis bedient. 14:14! Nach 40 Minuten warf Ljubomir Vranjes mal wieder Lars Kaufmann ins Getümmel. Er glich zum 15:15 aus. Lasse Svan vollendete einen Gegenstoß und wäre vor Begeisterung fast in die Fan-Menge gelaufen. 16:17 – endlich wieder eine Führung, die Lars Kaufmann sogar noch ausbaute. Johan Jakobsson, in seinem Element, hämmerte das Leder zum 17:19 in die Maschen. Der SCM tauschte seine Schlussleute.

Freude nach dem gehaltenen Siebenmeter.

Die Partie kippte erneut. Was für eine Dramatik! Der agile Jure Natek, der die offensive Abwehr häufiger durchschaute, brachte den SCM mit einer Vierer-Serie auf 21:19 in Front. Dann aber kaufte Mattias Andersson dem Slowenen den Schneid ab, hielt einen Wurf, während Anders Eggert mit einem Linksaußen-Kabinettstückchen – der Ball tänzelte durch die Beine von Dario Quenstedt – begeisterte. 21:21! Dennoch legte der SCM in der Schlussphase der normalen Spielzeit einen Treffer vor, die SG musste stets antworten. 35 Sekunden vor Schluss traf Matthias Musche zum 24:23, die SG nahm ihre letzte Auszeit. Der Spielzug saß: Anders Eggert traf zum umjubelten Ausgleich, der letzte Angriff der Magdeburger mündete in einen Freiwurf, der nichts mehr einbrachte. Das REWE Final Four 2015 hatte seine erste Verlängerung. „Wir hatten schon am Samstag eine rauschende Ballnacht“, staunte nicht nur HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. „Ich hätte nicht gedacht, dass der zweite Tag alles noch einmal toppen würde.“

Hampus Wanne verwandelte den letzten Siebenmeter.

Lasse Svan traf nach 63:25 Minuten zum 25:24. Den psychologischen Vorteil einer Führung nahm die SG in die zweiten fünf Minuten der Extra-Zeit. Es war ein Spiel der Leidenschaft, das kein Ende nahm. Zwar ging der SCM wieder auf die Überholspur und feierte das 27:26 von Michael Haaß. Der Sieg war das aber nicht: Die SG kombinierte, Anders Zachariassen tauchte frei am Kreis auf und rettete der SG das Siebenmeterwerfen. Das begann glänzend: Kevin Møller blieb gegen Siebenmeter-Spezialist Robert Weber siegreich, dann behielten stets die Schützen die Oberhand. Anders Eggert, Lasse Svan, Ahmed Elahmar und Jim Gottfridsson trafen für die SG, der SCM zog jeweils nach, zuletzt zum 31:31 durch den polnischen Altmeister Bartosz Jurecki. Dann war Hampus Wanne an der Reihe. Wie im legendären Halbfinale von Köln gegen Barcelona. Der junge Schwede behielt wieder die Nerven – nicht wie damals mit einem Leger, sondern mit einem humorlosen Strich. Der Rest war Jubel und Freude. Die SG Flensburg-Handewitt ist DHB-Pokalsieger 2015. Ljubomir Vranjes bedankte sich in der Pressekonferenz bei allen Mitstreitern. „Jeder Spieler, auch die gar nicht gespielt haben, haben ihren Beitrag zu diesem Erfolg geleistet“, sagte der Coach. „Und die Fans waren überragend, ebenso alle, die um das Team herum stets viel Arbeit leisten.“

Die SG außer Rand und Band. Fotos: Ki.


SC Magdeburg – SG Flensburg-Handewitt 31:32 (11:11, 24:24, 27:27) n. 7m-Werfen
SC Magdeburg: Green (10 Paraden), Quenstedt (8 Paraden) – Rojewski (2), van Olphen (1), Bagersted (3), Grafenhorst (1), Haaß (3/1), Bezjak (5/1), Weber (6/3), Jurecki (1/1), Natek (6), Lie Hansen, Musche (3)
SG Flensburg-Handewitt: Andersson (13/1 Paraden), Møller (2/2 Paraden) – Karlsson, Nenadic, Eggert (9/6), Mogensen (3), Svan (4/1), Wanne (1/1), Kaufmann (4), Jakobsson (6), Zachariassen (2), Gottfridsson (2/1), Macke, Elahmar (1/1)
Schiedsrichter: Fleisch/Rieber (Nellingen/Nürtingen); Zeitstrafen: 4:6 Minuten (Bagersted 2, Jurecki 2 – Eggert 2, Svan 2, Zachariassen 2); Siebenmeter: 10/7:10/10 (Møller pariert zwei Mal gegen Weber, Andersson ein Mal); Zuschauer: 13300 (ausverkauft)
Spielverlauf: 0:2 (6.), 1:5 (10.), 3:5 (14.), 4:7 (16.), 7:7 (21.), 7:9 (23.), 8:10 (24.), 9:11 (25.), 11:11 (28.) –13:11 (34.), 14:12 (38.), 14:14 (50.), 16:15 (42.), 16:18 (45.), 17:19 (46.), 21:19 (53.), 21:21 (56.), 23:22 (58.), 24:23 (60.) – 24:25 (64.), 25:26 (67.), 27:26 (69.), 27:27 (70.)

Von: ki