Auszeit auf dem Roten Sofa: Bernd Ullrich/Frank Lemme
Ihr seid die erfolgreichsten Schiedsrichter Deutschlands in den letzten Jahren. Man kennt euch als Doppelpack. Wie habt ihr euch gefunden?
Bernd Ullrich: Wir haben mal zusammen Handball gespielt. Dann hat sich Frank verletzt, ich war sowieso zum Spielen zu blind, also sind wir Schiedsrichter geworden. (lacht)
Frank Lemme: Ja, so ungefähr war das, unsere Prüfung haben wir bereits mit 14 Jahren gemacht.
Handball ist schneller geworden. Wisst ihr, wie viele Kilometer ihr während der 60 Minuten lauft?
Bernd Ullrich: Das haben mal Studenten ausgerechnet. Sie kamen auf 3000 bis 4000 Meter pro Spiel. Allerdings ist es schon fünf bis sechs Jahre her.
Frank Lemme: Und der Sport ist wirklich schneller geworden, also müssen wir auch fit sein.
Spieler hören meistens zwischen 30 und 40 Jahren auf. Wie lange kann man Schiedsrichter sein?
Frank Lemme: Offiziell, bis man 50 ist. Aber jeder muss sich auch fragen, wie lange man selbst will.
Bernd Ullrich: Es ist aber nicht nur die eigene Entscheidung. Wir werden regelmäßig getestet und neu „zugelassen“. Vor jeder Bundesliga-Saison, vor Welt- oder Europameisterschaften zum Beispiel.
So eine art „TÜV für Schiris“?
Frank Lemme: Ja, wir werden geprüft, ob wir noch die Regel kennen. (lacht)
Bernd Ullrich: Nicht nur das, auch die Fitness wird getestet. Und es gibt offizielle Beobachtungen, und die Trainer beurteilen uns nach jedem Spiel.
Habt ihr eine Lieblingshalle?
Bernd Ullrich: Klar! Von den neuen Hallen mag ich persönlich die Color Line Arena gerne, wenn ich mich entscheiden sollte.
Frank Lemme: Beeindruckend fand ich, als wir mal das Spiel Lemgo gegen Kiel auf Schalke gepfiffen haben. Vor 30000 Zuschauern!
Bernd Ullrich: Ja, das war auch gut. Eigentlich hat Deutschland viele tolle Hallen. Ich mag nur die kleinen engen nicht. Wo die Zuschauer einem in den Hintern kneifen können. (lacht)
Es gibt Geschichten, dass Schiris mal mit Polizeieskorte vom Spielort begleitet werden mussten. Ist euch so was auch mal passiert?
Frank Lemme: Die Erfahrung haben wir zum Glück noch nicht gemacht. Es gibt schon öfter aufgebrachte Zuschauer, aber fliehen mussten wir noch nie!
Fotos: Bojsen
Nach den Champions-League-Spielen der letzten Saison ist viel über Schiedsrichterleistungen diskutiert worden.
Frank Lemme: Ja, das haben wir auch mitgekriegt.
Bernd Ullrich: Wir sagen grundsätzlich nichts über unsere Kollegen.
Achtet ihr bei den Spielen auch auf die Kollegen?
Bernd Ullrich: Klar. Wir schauen die Begegnungen auch als Schiedsrichter. Das kann man nicht einfach so ablegen.
Welche Nationalitäten stellen eurer Meinung nach die besten Gespannen?
Bernd Ullrich: Ich dachte schon, du willst über das Spiel reden. (lacht)
Frank Lemme: Unsere spanischen und französischen Kollegen gehören sicher zu den Besten.
Bernd Ullrich: Deutschland hat auch viele gute Schiedsrichter. Die Liga ist einfach die Stärkste der Welt. Und damit haben wir auch das beste Training.
Ihr verbringt mindestens zwei Monate im Jahr zusammen. Seid ihr eigentlich Freunde?
Frank Lemme: Klar! Bernd kenne ich länger als meine Frau!
Bernd Ullrich: Sonst könnten wir auch nicht so viel Zeit miteinander verbringen. Sicher kracht es auch mal, aber Männer „gnatzen“ nicht so lange rum!
Müssen Schiedsrichter rechtschaffene Menschen sein?
Bernd Ullrich: Na auf dem Spielfeld ist das schon nicht schlecht! (lacht)
Und kann man das außerhalb des Spielfeldes „abschalten“? Oder ärgert ihr euch auch privat über Raser, Falschparker oder über Menschen, die den Müll nicht trennen?
Frank Lemme: Das geht uns nichts an. Wir sind nur für die Regeln auf dem Spielfeld zuständig.
Bernd Ullrich: Ich habe sechs Punkte in Flensburg! (lacht) Mehr braucht man dazu nicht zu sagen!
Ist euer Job auch ein Job für Frauen?
Bernd Ullrich: Ohh. Bei der Antwort muss man vorsichtig sein, fürchte ich. Ich glaube, für Frauen ist es nicht so einfach, sich zwischen all den Männern durchzusetzen.
Frank Lemme: Aber einige schaffen es doch! Vor diesen Damen ziehe ich wirklich meinen Hut!
Ihr seid auch in diesem Jahr zum hunderttausendsten Mal zum besten deutschen Schiedsrichtergespann gewählt worden. Bedeutet das noch etwas?
Bernd Ullrich: Zum achten Mal übrigens! Natürlich, es ist eine Anerkennung! Man wird ja auch von Menschen gewählt, die von Handball richtig etwas verstehen. Kapitäne der Mannschaften, Manager und Trainer stimmen ab.
Frank Lemme: Aber nicht nur Auszeichnungen bedeuten Anerkennung! Dass wir jedes Jahr ein Europacup-Finale pfeifen durften oder 2005 das WM Finale - das sind für uns auch Anerkennungen unserer Leistungen.
… und jetzt geht es nach Peking.
Bernd Ullrich: Genau. Und wir freuen uns sehr darauf, wird sicher gigantisch!
Als Schiri erntet man ja nicht nur Lob. Wenn eine Heimmannschaft verliert, sind die Fans oft ziemlich böse. Auch den Zorn einiger Spieler müsst ihr über euch ergehen lassen.
Bernd Ullrich: Einige können es sicher nicht, aber man sollte nach den 60 Minuten irgendwann wieder runter kommen. Es ist doch nur ein Spiel… Scholle Fraatz zum Beispiel kam nach jedem Spiel mit drei Bier in unsere Kabine, und wir haben auf das nächste angestoßen.
Frank Lemme: Alles perlt von einem nicht immer ab. Wenn es zum Beispiel persönlich wird. Oder wenn die örtliche Presse das alles etwas zu sehr durch die Heimbrille sieht. Da bin ich empfindlich!
Ihr seid sehr bekannt. Habt ihr eigentlich auch Autogrammkarten?
Bernd Ullrich: Die haben wir noch nicht, aber ein paar Fans haben wir tatsächlich!
Frank Lemme: Vor allem seit der Weltmeisterschaft erkennt man uns.
Bernd Ullrich: Und wir werden auch nach Autogramme gefragt. Vielleicht bräuchten wir tatsächlich die Dinger, mach mal ein schönes Foto!
Ihr könntet eine rote und eine gelbe Karte als Autogrammkarte benutzen.
Bernd Ullrich: Keine schlechte Idee, oder ein rotes Sofa… Wir denken nach den Olympischen Spielen genauer darüber nach!







